SONGWRITING WITHOUT BOUNDARIES

TAG 1


HIMMEL 5 Minuten

MARK: Das Gras ist nass und kühlt meinen Rücken. Ich liege und schaue in den blauen, stillen Himmel. Ein paar kleine Wolkenfetzen reisen in Ruhe in weiter Höhee. Sie lächeln, ich schmecke es im Minzduft der Luft. Summende Tierchen lullen mich ein. Schwer lümmle ich auf dem Boden, es zieht mich in die Tiefe, mein Blick strahlt in die Höhe. Weit fühlt sich mein Brustkorb an, ich atme die Bläue, ich küsse den Luftzug, der sanft meine Wange streichelt und spüre ein beginnendes Beben in mir. Klang aus Gold, weich und flüssig. Sonnenstrahlen britzeln auf der Lusthaut, Blau tropft es, rot fällt es auf mich, ich vibriere wie ein Gong im Nachklang großer Erschütterung. Da oben ist das Fell der Welt, ein haariges Kuschelfell aus Himmelssamt und

THERESE: Der Himmel über mir ist blau, so blau wie der Ozean. Ich rieche sein Salz und plötzlich bricht sich eine Wolke über mir und schüttet ihre nassen Tropfen auf meinen Kopf. Ich fühle die Kälte , die über mir hereinbricht und schmecke das Salz des Himmels nun auf meiner Zunge. Jetzt verfärbt sich der Himmel wieder, er wird ganz blutrot und plötzlich wird es Nacht. Ich kann nichts mehr sehen. Die Schatten der eben dagelegenen Wolken legen sich wie Blei auf meine Schultern, ich muss mich hinlegen, sonst würde ich umfallen. Auch das Gras, auf dem ich liege ist nass. Es fühlt sich hart und stoppelig an. Wie ein unrasiertes Männergesicht. Ich blicke weiter nach oben, in den Himmel. Die Tropfen fallen auf mein Gesicht und ich merke, dass auch sie aussehen wie Blut. Ekel steigt in mir auf, ich versuche, sie abzuwischen, aber es geht nicht. Der Himmel schüttert weiter erbarmungslos seine Blutstropfen auf mich und ich rolle auf dem Rasen in eine Kuhle hinein, die

AUTOUNFALL 10 Minuten

MARK: Ich sehe es kommen. Zeitlupe. Starrer Körper, mir entgleitet der Griff am Lenkrad, das Vorderrad blockiert, ich hebe ab, hinten bäumt sich das alte Hollandrad auf und ich fliege kopfvoran durch die Luft, über die Gehwegplatten der Danziger Straße. In mir überschlagen sich Kommandos, ABROLLEN, NICHT AUF DIE GELENKE, ich richte meinen Körper während des Flugs und krache mit den Händen voran aufs Beton. Wie ein Breakdancer fühle ich mich und werde binnen Millisekunden zu einem Ast, der dem Wind trotzt, der seinen Stamm peitscht im Sturm und doch nicht bricht. Dessen Blätter zu krachenden Flächen werden, die dem sanften Gewächs brüllende Schreie entlocken. Ich breche nicht. Meine rechte Hand fühlt sich an wie ab. Ich kann mich nicht bewegen, versichere aber Passanten, dass alles in Ordnung ist. Stehe auf, nehme mein Rad, schiebe. Schock im Hirn. Alles gut, nichts passiert, pulsiert es in mir. Die Straße, die Bahn, die Autos sind Requisiten meines Bühnenbilds. Ich schreibe hier das Drama, mit der Tinte meines Lebens auf dem harten Papier der Unberechenbarkeit. Ritze diesen Tag in einen Stein, ich bin ein Steinmetz der Erfahrung. Dieser Tag wird begraben. Tief unter der Erde liegt er nun. Still. Atemlos und matt. Dunkel. Oben der Stein. UNVERGESSEN steht dort in Marmor, als hätten Kufen aus Stahl Buchstaben in den Stein geschlagen. Meine Hand ist dick. Angeschwollen. Ich kaufe ein Wassereis in dem Eckspäti, kaufe ein zweites und ein drittes. Halte sie auf meine Linke. Die Eise weichen auf, dann kann ich sie um meine Hand wickeln und schiebe das Rad weiter

THERESE: Mein Maserati biegt um die Ecke und knallt gegen einen Baum. Es zischt und dampft und riecht nach verfaultem Gummi. Meine Hand ist zwischen dem Lenkrad und dem Fahrersitz eingeklemmt. Das Blut läuft in meine rechte Hand und staut sich. Es tut weh. Ich merke, wie ich den Baum durch die Scheibe kaum mehr erkennen kann, ich kämpfe mit meinem Bewusstsein. Der Baum leuchtet und schwingt friedlich im Sommerwind. Ich höre Vögel singen, es ist eine immer gleiche Melodie , drei hohe Töne. Lieblich, süß, zärtlich hört sie sich an. Das Licht um mich wird matter, es schließt mich ein und bedrängt mich. Ich will aus dem Auto raus, aber ich bin eingeklemmt. Der Fahrtwind war so schön auf meiner Haut. Ich fühlte Freiheit und Liebe.Die Vögel singen immer noch , ihr Lied wird jetzt dunkler. Ich schmeck jetzt Blut in meinem Mund, metallen und kalt. Das Leder vom Autolenkrad fühlt sich weich an. Ich streichen es mit der gesunden Hand. Die Kuh, die es mal gehört haben muss, hieß Emma. Sie roch nach Heu und Wiese. Ich sehe sie plötzlich vor meinem Auto stehen sie guckt mich an und ich spüre mein Herz rasen, ich bin aufgeregt und freue mich. Ich sehe den Baum und die Kuh und das Lenkrad und schmecke das Metall in meinem Mund . Meine Füße liegen unter dem Pedal, ich kann sie bewegen und sie tanzen ein bisschen zu dem Lied der Vögel. Plötzlich wird die Tür aufgerissen, ich höre eine Frauenstimme, eine samtige. „Es wird alles gut“ sagt sie flüsternd. Mein Arm wird aus dem Griff des Lenkrads befreit und ich spüre, das Blut wieder in meinen Körper laufen. Es riecht noch immer nach verbranntem Gummi und Feuer. Mein Arm tut immer noch weh. Er fühlt sich auch wie Gummi an. Er schlackert. Er lässt sich verbiegen. Er ist so weich. Meine Augen werden schwerer und fallen zu. Ich sehe den Baum hinter meinen geschlossenen Augenlidern vor mir, wie er sich biegt und sich das Licht bricht. Es wird schwarz um mich herum.

LILIEN 2 Minuten

MARK: Süß und lüstern duftet der Raum. Viel Moos und honigartiger Fluss im Mund. Es wabert und lähmt, da lockt der Kelch, da locken die Kelche wie Sirenen. Ich höre ihren süßen Dreiklang, wie er atmend mein Ohr umflutet und an mir hinabgleitet. Es perlt und cremt und lullt und küsst mich. Samtener Hauch aus Chili-Leder. Meine Lippen

THERESE: Es stinkt. Die weißen Kelche sondern ihren moschushaften samtig-bedrängenden Geruch aus und meine Nase juckt. Ich will weg von ihnen gehen. Sie sehen aus wie zusammengefaltete Servietten. Weiß und rosa leuchten sie und strahlen in der Frühlingssonne. Ich schütte Wasser auf sie, auch in ihre Kelche, Licht bricht sich darin, der Duft nimmt ab. Ich zupfe ein Blatt ab und lege es auf meine Zunge. Es schmeckt gold. Aber


TAG 2

BADEZIMMERSPIEGEL 5 Minuten

MARK: Nichts außer Schatten und Silhouette. Unscharf wie nach einer Photoshop-Bearbeitung nach zu viel Weichzeichner. Das zu trocken gewaschene und auf der Heizung getrocknete Badezimmervorlegeteppichding erweicht unter meinen nassen Füßen nach der Dusche. Das unangenehme Plastik des unten bereits schimmeligen Duschvorhangs klebte zuletzt an meiner Wade. Nun wische ich mit dem Handtuch den Spiegel klar, der sofort wieder beschlägt und ich drehe den Heizkörper auf Sieben, weil ich die Hitze brauche. Ich trinke, atme sie. Es muss kochen, es muss sieden, wenn ich aus dem Wasser komme. Die Perlen der Duschexperience rollen an meinem Körper herab und allmählich öffnet sich der Vorhang des Spiegeltheaters und ich trete auf – wie eine Erscheinung aus dem Nebel. Sanft legt sich ein Mantel aus Wärme und Behaglichkeit um meine Schultern wie ein Hermelin. Fanfaren der Hoffnung schallen leise aus der Badezimmerlüftung, ich höre es genau.

THERESE: Der Spiegel leuchtet. Ich sehe mein Abbild, ich sehe mich im kalten Neonlicht. Meine Zähne sind gelblich und strahlen eine ungesunde Farbe in den Raum. Ich habe nicht geschlafen, meine Augen sind ganz klein und riesige schwarze kraterartige Augenringe befinden sich darunter. Ich sehe die kleinen weißen Zahnpastaspritzer auf dem Spiegelglas, lange hat hier schon niemand mehr irgendetwas sauber gemacht. Es riecht nach Pfefferminz und Grüntee. Mein Spiegelbild sieht mich an, als wäre ich jemand anderes. Fremd und schön. Ich fasse das Glas an und fühle Wärme, große Hitze, das Glas beginnt zu pulsieren, nachdem ich meine Finger noch mehr an es presse. Es wird plötzlich weich und zerfließt zwischen meinen kalten Fingern. Mein Spiegelbild rinnt mit dem Glas die blau gestrichene Wand hinunter und fließt mit einem saugenden gierigen Geräusch den stinkenden Abfluss hinunter. Das Waschbecken wird ganz dreckig davon. Ich merke, dass mein Finger, der an dem Glas klebte, mit dem Glas im Abfluss verschwunden ist. Ich sehe die Lücke zwischen den andern Fingen, es tut gar nicht weh. Es ist weich und flauschig.

ZAHNARZT 10 Minuten

MARK: Ich klammere mich an den Buchstaben fest mit meinem Blick. SIEMENS steht auf dem autoscheinwerferhaften Lampending, das vor meinem Gesicht in mich hineinblendet, damit Frau Kusicky mit ihren Latexfingern in meinem Mund fuhrwerken kann. Ich schaue jedes Buchstabenrelief genau an. Das S steht wohl für den Schmerz, den pochenden, drch meinen Kiefer ziehenden Schmerz. Das I für das perverse Surren des Bohrers, der drohend klingt wie eine Millionenschar Horrorinsekten, die mich augenblicklich zu zerlegen droht. E ist für die Ehrfurcht. In der Lederliege liegend mit geöffnetem Mund, die Fingernägel in den Belag krallend liege ich in die Passivität genötigt da und liefer mich aus. M ist Masse. Ich spüre das Gewicht meines Körpers, den Druck der Ärztinnenhand, den üblen Sog des Schlauchs in meinem Mundwinkel. Wieder E: Elendes Treiben im Kopf. Magenschmerziger Vorwurf: Hätte ich immer schön geputzt. Immer mit der Bürste kreisend und drei Minuten eingehalten und nicht nur nach ein  paar Sekunden der brennenden Ungeduld nachgegebne, auf dem Badezimmerteppich Fluchtbewegungen in den schnellen Füßen habend. N für Not. Jetzt hab ich den Salat. Zerfressen der Backenzahn, eine Ruine in meinem eigenen Körper. Ein zerfallenes Wrack, Ich habe es zugrunde gerichtet, es den Bakterien zum Fraß hingeworfen, dass es unter meiner Beobachtung zu Schrott wird. S für sanfte Augen. Frau Kusicky zeigt mir ihre Augen über dem Mundschutz. Ich sehe Fürsorge, ich sehe sie im Haus ihrer russishen Familie als Kind, wie sie von ihrer großen Schwester durch den Garten gejagt lachend zwischen Apfelbäumen Slalom läuft und am Abend erschöpft auf der Küchenbank einschläft, mit einem Lächeln auf den Lippen. Jetzt werkt sie hochkonzentriert in meinem Mund 

THERESE: Es flimmert. Viel zu lange schon sitze ich auf diesem harten unnachgiebigem Stuhl, der zwar aus Leder ist, aber trotzdem nicht lebt. Ich warte. Mein Herz rast, Schweiß auf meiner Stirn, auf meinen kalten Händen. Mein Mund ist trocken und ich will trinken. Ich höre leise Bohrgeräusche aus dem Nebenzimmer, ein zu hohes klares Summen, das mein Trommelfell foltert. Meine Augen suchen im kalten Raum nach einem Fixpunkt zur Orientierung, nach einer warmen Begebenheit. Es riecht nach Sterilität und nach Gummihandschuhen, nach Leere. Meine Finger krallen sich an der Armlehne fest. Wann kommt er endlich, wann kommt er? Ich fasse das Gerät an, was ich für den Bohrer halte. Ein kleines, feines , schwerer als erwartetes Gerät. Meine Fingerkuppe bewegt sich über seine pickende Spitze, die sich gleich in meinen kranken Zahn mit aller Heftigkeit bohren wird. Mein Zahn und der Bohrer , sie werden eins werden, werden verschmelzen und ich werde den Krieg zwischen den beiden spüren. Plötzlich habe ich wieder Spucke in meinem Mund, so viel, dass ich die klare Flüssigkeit in das Waschbecken spucken muss. Wann kommt er? Das Bohren im Nebenzimmer wird lauter, der Klang tiefer, und plötzlich folgt ein Schrei. Ich kriege Panik. Ich springe vom Stuhl auf und meine Füße klatschen hart auf den grünen Linoleumboden auf. Ich stehe da wie angewurzelt und möchte rausrennen, kann mich aber nicht bewegen. Auf meiner Haut sammelt sich jetzt der kalte Schweiß und rinnt an mir sichtbar herunter. Der Boden unter mir wackelt, ich fühle die Enge des Raumes und seine unfreundliche Gastfreundschaft. Ich taumle, halte mich mit meinen kalten Fingern an der Lampe fest und fühle, dass sie ganz weich ist, so wie ein Hund. Das Fell eines Hundes ist es, was ich jetzt spüre, ein Labrador oder ein Kurzhaardackel, ich fühle wie mein Herz langsamer schlägt, mein Schweiß rinnt nicht mehr so unaufhaltsam, ich lege mich auf den harten Linoleoumboden. Ich höre dumpfe krachende Schritte unmittelbar vor der weißen sterilen Tür. Ja bitte, 

SCHRAUBENZIEHER 2 Min

MARK: Schlitz. Kante. Kraft. Widerstand der Stahlkralle. Ich presse den dicken Stahlstift mit dem gelben Plastikgriff auf die ausgeleierte Schlitzschraube aus dem letzten Jahrhundert und reiße den Quirl mit aller Kraft nach links. Nichts bewegt sich, das Material gibt nach. Die Schraube steckt fest in der Diele, wo sie vor über hundert Jahren hineinged

THERESE: Ein Schrei, ein großer Schrei, dann Stille. Der kleine Schraubenzieher hat sich schon wieder verlaufen. Er ist aus Versehen in mein Bein gebohrt worden, weil ich darauf gefallen bin. Er fühlt die Bedrängnis meines Fleisches, meinen Schmerz, aber es ist nicht seiner. Meine Blutstropfen riechen nach Nelken für ihn und er sieht meine Adern, Kochen, Muskeln unter meiner weißen Alabasterhaut schimmern.

TAG 3

REGENSCHIRM 5 Min.

MARK: Dicke Tropfen stürzen sich auf die gespannte Haut über meinem Kopf und verwandeln sich in dramtische Sturzbäche, die sich den Hang hinuntergießen und tödlich von dort auf den steinernen Boden knallen, während ich in aller Ruhe unter dem wilden Prasseln ein Heim aus trockener Stille durch die vorabendliche Dunkelstadt trage und meinen Weg durch die surrende, hektische, traurig schauende und sprachlose Masse bahne. Fußgängerzone, Du bist kein Ort, Dir fehlt das schlagende Herz einer gewachsenen Stadt, die aus echten, in den Blicken der Menschen glühenden Bedürfnissen gebaut wurde. Dich schuf die tumbe Geilheit auf Geld, die Not der Unbefriedigten, die nur lachen, wenn sie jemanden auslachen und deren Freude die Freude derjenigen ist, die einen Genuss schmecken, wenn jemand auf einer Banananschale ausrutscht.

THERESE: Es schüttet wie aus Kübeln. Mein Herz ist nass, wie eine Südfrucht, die z sehr unter der Erde lag. Der Boden weicht sich auf. Ich gehe, wate durch den zähen schmierigen Matsch der sich an meinen kleinen Zehen festsogt und ein schmatzendes Geräusch von sich gibt. Ich will wohin, an einen Ort, der trocken und warm ist, an dem ich keinen Regenschirm brauche. Mir fällt plötzlich auf, dass ich gar keinen Regenschirm bei mir habe. Tief in meinen Gedächtniswaben krame ich nach dem letzten , den ich besaß, er war rot mit weißen Punkten und aus Bambus. Als Kind spannte ich ihn oft auf und spielte im blühende Garten meiner Großmutter, dass er ein großes Ich wäre. Unter ihm roch es immer nach Erdbeeren, den ganz frischen, wie es sie nur im Juni gibt. Und nach meiner schönen Großmutter, samtig.weich , nach Ostfriesentee mit einem Stück Kandis und ein bisschen nach Rum. Jetzt habe ich keinen Regenschirm mehr. Der Himmel fällt beinahe nass und kalt auf mich herab, wie ein toter Fisch, 

HAARE 10 Min.

MARK: Wie ein goldener Wasserfall perlen Strähnen aus sonnenlachendem leinigem Haar ihr schönes, meine Sinne bespielendes Gesicht entlang. Im Rhythmus ihres Lachens tanzen Schlangen aus gelbglänzenden Lianen einen Ausdruckstanz in der herrlichsten chaotischen Schönheit. Haare, die sich fassen lassen, die ich um meine Hand wickeln kann und die meiner Kraft einen Widerstand bieten, der heftig ist. Haare, die Taue werden, die fest sind wie ein Seil, das ein Schiff zieht. Haare, die auf einen Bogen gespannt, Konzertsäle zum Vibrieren bringen. Haare, die den Duft ihrer Umgebung von hier nach dort tragen. Die den Rauch fangen, die sich öffnen lassen und die ein Vorhang sind, hinter dem meine Augen ihren großen Auftritt haben. Haare, vor denen du dich verbeugst und hinter denen du verschwindest, bis es still ist und das Licht der nüchternen Welt sperren sie aus. Haare, die den Abfluss verstopfen und Masse werden, die schleimig und spinnenhaft Ekel ruft. Haare im Essen, die ein Gewaltakt von Übergriff sind und dich einen hässlichen stinkenden schwitzenden Küchenkoch in schmutzigem Unterhemd imaginieren lassen. Haare, an denen Artistinnen sich über die Manege schweben lassen. Haare, an denen ich dich sanft ziehe und Deinen Mund zu meinem zwinge, während ich in Deinem durchdringenden Blick lese, dass dir das eine den ganzen Körper in Adern, in denen Elektrizität durchfließt, durchströmenden Geilrausch die Haare schweben, sie wippen im Takt deiner BEwegungen, deiner zyklischen, zuckenden Lust. Sie duften nach dir. Nach Honig und Sommer, nach Nacht und nach dem Meeresgrund. Haare sind Körper gewordene Jahre. Ein Zentimenter

THERESE: Das zweite Haar liegt aufgesplittet neben dem ersten. Gefallen sind sie, gefallen, wie gefallene Egel aus dem blühenden Paradies. Gerade waren sie noch teil eines ganzen, eines prächtigen Kopfes, mit vielen anderen, langen, schwarzen, dicken, Haaren. Der Moment, als die kleine goldene Messingschere zum goldenen Schnitt ansetzte tat weh. Kurz war der Schmerz zwar, aber trotzdem wie ein tiefer Schnitt in die Existenz. Von unten sieht alles viel größer aus. Ich bin alleine denkt sich das kleinere Haar der beiden. Dieser Boden, so hart, so nach Putzmittel riechend, so abstoßend, so gar nicht mehr das wohlriechende Seidenweich. Antispliss- Shampoo , das meine Kopfherrin immer morgens in der Marmordusche benutzte. Die Kopfherrin heißt Sibylle. Sie weint auch. Ihre großen braunen Augen weinen kleine schimmernde Tränen auf den schwarzen Friseurumhang. Was, wenn die Tränen auch Gefühle haben? Sie sieht sich ihr blasses Gesicht im Spiegel mit der neuen „kecken“ Kurzhaarfrisur an. Sie greift in ihre neuen kurzen Haare. Wie ein Igel, ein Babyigel, den man zu für aus demNest geschmissen hat. Da fehlt was. Ihre Fingerkuppen gleiten zu ihrer Kopfhaut durch und plötzlich spürt sie ganz deutlich das Defizit der beiden Haare auf dem Boden. „Nein!“ Schreit sie aus voller Kehle und springt vom ledernen Stuhl auf. Sie fällt zu Boden.Ihre Knie schürfen sich leicht auf bei der hastigen Bewegung.Sie sucht mit ihren starren Händen nun fieberhaft nach den bestimmten zwei Haaren, die sie so dringend braucht. Der Boden scheint sie verschluckt zu haben. Oder wurden sie sch

FEDER 90 Sek.

MARK: Streicheln. Qüälendes kitzelndes leichtes Streicheln. Ein Gruß aus der Luft, der Unmöglichkeit des Fliegens. Der Schmerz des Unvermögens. Weinen, Hassen. Ich schreie über die Gefangenheit in meinem Leben unter der massiven, erschglagenden, alles bestimmenden Schwerkraft. Ich will sie hinrichten, aufheben, wegwerfen und frei schwebn wie das Tier dessen Gewand mir Freude schenk

THERESE: Leicht. Leichter, immer leichter fällt sie die Schlucht hinab. Niemand weiß, woher sie kommt. Sie ist weiß, schneeweiß, am Schaft in der Mitte hat sie einen kleinen schwarzen Fleck, der die Form von Sylt besitzt. Geräuschlos, ohne einen einzigen Laut, schwebt sie langsam in die gähnende Tiefe.

TAG 4

BORDSTEIN 5 Min.

MARK: Ich spüre den harten Stoß, der die Felge meines Vorderrads beißt. Die erbarmungslose Kante gibt nicht nach. Meine Knochen federn den Stoß ab. Sie federn gar nicht, sie ziehen sich schockstarr zusammen und all ihre Sehnen mit, ich verhärte augenblicklich, meine Schultern sind Beton und mein Herz kollabiert. Die graue Kante ist ewig und wie ein Gesetz aus härtestem Holz. Dunkel und alt riechend. Aber ohne Patina, keine Nostalgie im Duft. FUCK wo sind die SINNE! Ich beiße den Bordstein, mein Kopf will nur die hässlichen Bilder aus Dogs of Berlin vermeiden, die Tritte gegen den Kopf das Beton an den Zähnen, den Geschmack von Blut im Mund, die ganze beschissene Gewalt. Ich will diese Bilder nicht, ihre Härte und ihren körperlichen Schmerz. Diese Hässlichkeit der Bilder, ich will die Sonne hinter dem Beton, den pfefferminzenen Luftzug jenseits aller Bordsteine. Bordstein, kalter, seelenlose Schlange, die keinem Menschen dient und nur Härte und Widerstand bietet, wo Fluss sein könnte, wo es geschmeidig rollen und g

THERESE:
Hart trifft auf weich. Mein Kopf schlägt unter lautem Krachen auf das grau-gesprenkelte alte Kopfsteinpflaster und meine Stirn verfehlt knapp die scharfe Bordsteinkante. Ich sehe Ameisen vor meinen Augen wichtig herumlaufen, sie scheinen einen Kreis um einen dünnen gelblichen Grashalm zu bilden. Tanzen sie? Oder ist es nur mein aufgeschlagen Kopf, der mich fantastische Bilder glauben lässt? Nein, sie sind da! Sie tanzen, sie tanzen einen wilden Tango, in Zweierpaaren um den kleinen Grashalm herum. Er biegt und wiegt sich unter ihrem Tritt, ihrer Erschütterung, sie scheinen zu lachen, ja, die eine Ameise hat mich gerade angegrinst! Ich sollte mittanzen! Doch wie? Ich bin zu groß… Ich schließe meine Augen. Ich spüre ein Ziehen an meinem Verwundeten Kopf, aber keinen Schmerz. Da ist keine Wärme von Blut auf meiner Stirn meine ich, sondern angenehme Kühle, meine Stirn ist trocken. Mein Gesicht fühlt sich ganz weich und zart an, ein kleiner Babypopo. Doch zurück zu den Ameisen. Sie tanzen noch immer! Wie kann ich bloß kleiner werden? Ich presse meinen Lieder fest zusammen ganz so dass meine Augen ganz nass werden und 

BOUQUET 10 Min

MARK: „Leder“ murmelte der Kellner und schaute mir verschwörerisch ins Auge dabei, „Leder, Schokolade und dunkle Beeren.“ Ich lasse die Flüssigkeit aus dunkelbraunrotem Duft wie Lava in dem riesigen Kelch umhergleiten und halte meine Nase über den Strudel in meiner Hand. Gleich lasse ich das flüssige Sinnlichkeitspfützchen über meine Unterlippe in meinen Mund laufen und erlebe, wie aus der Kühle Süße wird, wie sich die Honigillusion verherbt und an der hinteren Zunge erst an den Garten meiner Oma und dann den Geruch meines alten Gürtel erinnert. Eine Badewanne voll dvon will ich und tauche, werfe mein Haar ins dichte Rot und werfe den Kopf in den Nacken, der Saft tropft von meinem Kopf auf meine Brust und ich lecke meine Lippen. Tief unter der Wanne ist nasses, kühles Erdreich. Ich tauche, grabe wie ein Maulwurf und atme staubige torfige Erde, die ich aus meinen Poren auswerfe. Die Fontänen geatmeter Erde bilden zwei Bögen an meinen Schultern, die Flügeln gleichen. Beeren sind vergraben, ich quetsche sie aus und die Haut der Früchte verwandelt sich in Leder, auf dem ich kaue, bis es weich und geschmeidig wird. Meine Zähne formen einen Gürtel aus Blaubeerleder, den ich mir ums rechte Handgelenk wickele. Dann steige ich auf. Erdkiemen wachsen mir. Nass und tief und dunkel. Krachendes Geäst. Erdmassen, die ich verdränge. Ich schreite durch Wurzelwerk, schiebe Stränge beiseite, die Bäumen gehören, umarme Büsche von unten und wachse. Senkrecht stehe ich im Erdreich und verlängere mich in die Höhe. Meine Beine sind fest im Boden und aus ihnen wachsen kleine Verästelungen die das Erdreich liebkosen. Mein Kopf wird schmaler, teilt sich und die Schädeldecke knackt auf, aus ihr knospt ein Wickel aus weinrotem Blatt, das sich zur Erdoberfläche öffnet wie der die Mutterbrust suchende Babymund nach der Geburt. Ein paar Erdkrumen kullern von der sich erhebenden Blüte auf den schwarzen Boden. Die Sonne scheint mir auf die Blätter und singt das Liebeslied des Glücks. Tausend schnelle Töne rasen hoch und runter


THERESE:
Girlanden. Rote, blaue, weiße, gelbe, spritzig-witzige. Sie hängen schlaff über dem kleinen Beistelltisch aus Mahagoni. Sein tiefer Holzgeruch prägt sich  in mein Gedächtnis ein. Die Torte, die gestern noch weiß-strahlend auf dem Tisch stand, ist nun klebrig zerflossen und säumt den Boden. Das Miniatur-Hochzeitspaar liegt halb auf dem Tisch, halb in der Luft, ihre Marzipangesichter sind verformt, verschwommen, ihr strahlendes Hochzeitslächeln,  nun eine hässliche, clowneske Fratze. Leise surrend fliegt eine Wespe über ihnen und wartet wie ein Geier darauf, in ihre traurigen Gesichter zu beißen, ihr Marzipan-Restlächeln zu trinken. Blumen, überall Blumen auf den Kieselsteinweg zum Altar gestreut, weiße Lilien, überall.. Ihr betörend-belästigender Geruch liegt wie ein Vorhang aus schwerem bauen Samt über der Szenerie, ihr Duft ist kaum aushaltbar. Rote Rosen liegen verstreut zwischen den dominanten Lilien auf dem Boden, ihre Stacheln ragen hoch in die Luft. Ich hebe einen von ihnen behutsam auf und berühre ihr innerstes Blütenblatt. Ich streichle es. Samten und weich. Aua!! Ihr Stachel bohrt sich plötzlich in meine weiße Hand, Blut quillt aus der kleinen Aderöffnung hervor und tropft auf eine weiße Lilie. Ihr Blütenblatt saugt mein Blut begierig auf, sie scheint es förmlich zu brauchen und … ihr Duft verändert sich. Das ganze Zimmer riecht nach Gummibärchen, nach den im Licht grünlich-schimmernden Gummibärchen, zart 
Regenwolke
Kabuuuuuum. Splish! Splash! Wwwwwwww wwwwwwwwwwwwww.wwwwwwwwas ein Wetter! Mein gelber Gummianorak schimmert im grellen Gewitterlicht im nordfriesischen Watt. Ich muss mich beeilen. Der grobe, lange Regen fällt unbarmherzig auf die weite Fläche

REGENWOLKE

90 Sekunden

MARK: Das große Grau hängt unten durch wie eine alte Matratze von unten. Fast schwarz, kurz vorm Aufbrechen. Da ergießt sich ein riesiger Schwall Kälte und Nässe laut und ausdauernd aus der riesigen Masseüber mir. Ich bin nass bis auf die Knöchel, die Flut steht mir in den Schuhen und läuft über meine Lippen. Ich schmeckee das harte Grau des Stadtregens, d

THERESE:Kabuuuuuum. Splish! Splash! Wwwwwwww wwwwwwwwwwwwww.wwwwwwwwas ein Wetter! Mein gelber Gummianorak schimmert im grellen Gewitterlicht im nordfriesischen Watt. Ich muss mich beeilen. Der grobe, lange Regen fällt unbarmherzig auf die weite Fläche

TAG 4

KINO 5 Min

MARK: Mein Schritt fällt in weiches Teppichrot, es ist augenblicklich still. Andächtig rauschend leise wie ein Bibliotheksraum. Es riecht nach Vergangenheit, nach Frauen in Charlestonkleidern und Herren in Smokings und Fräcken. Nach einer Erinnerung an Zigarettenrauch in der enrferntesten Popcornwahrnehmung. Warme sind die Farben des matten Lichts im Foyer und vor der haushohen hölzernen Eingsngsflügeltür steht ein blasser junger Mann mit einem ausgeglichen Lächeln. Er hat den sicheren Blick des Experten und reißt ohne Eile meine Karte ein. Ich schreite stumm in den Vorführraum, nach mir noch ein paar andere leise Menschen. Setze mich in Reihe 5 in die Mitte. Aus den Lautsprechern kommt wahrnehmbar und angenehm Jazz, er läuft wie Sirup durch den Raum und steht wie Nebel zwischen uns paar Zuschauern. Dann Pause. Stille. Licht gedimmt. Vorhang auf, Sound. Bässe, Klirren, Höhen, Kaskaden von Klang und Geräusch

THERESE:
Die roten Samtsessel schimmern matt im trüben Lichtkegel des Projektors. Er gibt ein leises Surren von sich, Staub tanzt in seinem an die andere Wand geworfenen Lichtkegel. Auf dem Fußboden aus blauem Stoff mit goldenen Sternen liegen Nori und Nova, eng ineinander umschlungen, versteckt in den leeren Kinoreihen. Der Kartenabreißer hat sie nicht gesehen, sie nicht zu Feierabend rausgeschmissen. Ihre Lippen kreisen um die Lippen des anderen, ihre Finger krallen sich vor verbotener Lust in den Teppichboden. Die Luft steht still. In großen Kreisen sammelt sich über ihnen der Lichtkegel zu einem Scheinwerfer zusammen und lässt ihre bebenden Körper in voller Helligkeit erstrahlen. Sie sind nie Kinobesucher gewesen. Sie kamen aus der Leinwand. Sie  tragen noch i

ZIGARRE 10 Min.

MARK: Trocken wie ein Nadelwald im Spätsommer knistert das fest gerollte Objekt mit dem scharfen Duft in meiner Hand, zwischen Daumen und Zeigefinger. Eine Guilloutine zwackt dem Stift den Arsch ab und die Schärfe seines Atems erreicht meine Nase. Ich lutsche an der noch verbliebenen Rundung und zünde mit einem langen Streichholz die Schnitfläche an, während ich kräftig paffe. Unmengen scharfen Rauchs fluten meine Mundhöhle und ich balanciere das Teil in meiner Hand, lasse mich ins Polster gleiten und halte in der anderen Hand einen riesigen Cognakschwenker. Leise Gespräche dringen an mein Ohr, ich lasse sie klingen. Lächle, der Tag zieht an mir vorbei, ich spüre mein Steißbein im edlen Sofa und genieße, wie sich mein Rücken entspannt. Mir wird schwindlig, ich habe versehentlich etwas inhaliert. Die niedrig gehängten Tischlampen in der Smoker’s Lounge der Hotelbar beginnen sich zu drehen im Nebel, sie quirlen den Raum und ich quirle mit. Dann schaukele ich auf meinem Sofa nach links und rechts wie in einer Hängematte aus Birkenholzgarn, der aus der Rinde der Birke gesponnen nach Zimt schmeckt, leckt man an ihm. Der eng fesselt und nicht schneidet, aus dem sich Kleidung stricken lässt, die kugelsicher ist. Ein Netz aus Algen webt sich aus der Deckenverkleidung. Es hängt und pulsiert. Die Zigarre trägt einen gehörigen Aschestab an ihrem vorderen Ende, das nicht von ihr abfallen will. Im Cognak bildet sich Rauch aus Fassluft, die aufsteigt und ihre Bahnen zieht. Alle paar Meter hat sie einen Schluckauf und gebiert ein Eichenfass, das grob auf dem hubdert Jahre alten Parkett zum Stehen kommt, mit einem fluffigen Plock-Geräusch. Am Fass sammelt sich umgehend Gesellschat: Hostessen in Weltraumkostümen und Geschäftsherren in dunkelblauen Einreihern. Sie tragen Armbanduhren und lungern halbgar mit ihren Ellenbogen schräg am Fass. Ihre Gesten folgen einer Inszenierung,

THERESE:
Dick ist sein Bauch. Wie ein Ballon ragt er aus seinem geschnürten Gürtel heraus, stäche man hinein, würde er platzen? Was liegt da wohl alles im Inneren? Nur bloßes, beim Rausschneiden triefendes Fett? Oder eine Taschenuhr? Ich lege mein Ohr auf seinen Ballonbauch und höre ganz deutlich ein Ticken. Ein deutlich zu erkennendes, dumpfes Ticken. Meine Hand spürt beim Auflegen die Bewegung der Zeiger der Uhr. Tick Tack , Tick Tack, … Oder… ist es eine Bombe? Wie unterscheidet man das Ticken einer Uhr vom Ticken einer Bombe? Ich höre plötzlich noch etwas anderes. Das leise Geschrei eines Babys. Wimmernd, fast klagend ist der Ton, auch leise, aber deutlich. Ich gehe weiter weg und sehe ihn mir noch einmal aus der Entfernung an. Er ist schwanger. Definitiv. Um mich herum plötzlich ganz klar der Geruch von Zigarren. Er raucht gemütlich eine dicke Havanna und streichelt seinen Bauch dabei. Langsam führt er die hochwertige rauchende Todesursache an seine aufgedunsenen Lippen, zieht mit einem Baby-ähnlich saugendem Geräusch daran und bläst den Rauch in die warme Dezemberluft. Erst jetzt betrachte ich, wie er angezogen ist; er trägt einen blau-weiß gesteiften Anzug, goldene Gamaschen und einen Zylinder, der schwarz-glänzend das orangene Glimmen der Havanna 

PFEIL 90 Sekunden

MARK: Meine Linke greift den Bogen am Griff, die Rechte spannt, ich lasse los. Der Pfeil saust nach vorn , hinterlässt einen Luftzug und ich schaue ihm hinterhert, wie er langsam seinen Sinkflug leicht anpeilt und dann sein Ziel verfehlt, neben der farbigen Strohscheibe in den Rasen fällt und fast lautlos im Gras weggleitet

THERESE:
Schnell wie der Wind zischt er an mir vorbei. Was war das? Da, wieder! Diesmal erkenne ich, es ist ein goldener Pfeil! Geschossen von einem kleinen nackten Jungen mit….Flügeln und lockigem Haar! Gold scheint er im Morgenlicht und verströmt einen Duft von Rosen. 



TAG 6

SEEMANN 5 Minuten

THERESE:
Laut weht der Wind um ihren Kopf. Ihre langen roten Haare umhüllen ihr Gesicht, sie spielen mit ihrer Haut und stören manchmal in ihren grünlich schimmernden Augen. Einen Fuß auf die Reling gesetzt hält sich ihre Hand fest am grob geknöpftem Tau fest, ihr vom Wind geschüttelter Körper lehnt sich aufrecht gegen die immer neu einsetzenden Böen, ihr Blick ist fast schon pionierhaft an den rötlichen Horizont geheftet. Sie ist alleine auf diesem kleinen Segelschiff, alleine auf dem Pazifik. Fast könnte man meinen, sie sei die Galionsfigur des Schiffes, wie sie so dasteht, erhaben, überlegen, königlich. Sie atmet die 

MARK: Gischt knallt in den Bart, Tropfen rollen durch zentimetertiefe Gesichtsfurchen. Stählerner Blick aus engen Augen. Kehlkopf spannt unter der Lederhaut am Hals. Wasser aus Salz reibt die Stimme bassig.Karg das Wort. Sicher der Stand. Wellen bewegen die Welt, Wellen rollen unter ihm, er bleibt. Er steht. Er trotzt und atmet in klarer Art. Hart sind die Pulse in seinen Adern, krachend der Händedruck, lang ist das Lachen und kurz die Kommandos. Tief die Augen und selten die Mundwinkelbewegungen. Rau die Hände, Linien wie Krater, Nägel aus Schleifpapier, Adern wie Schläuche. Grobe Gesten, warmer Rumpf unterm klammen Vließ

KELLNERIN 10 Min.

THERESE:
„Schon wieder so viel übrig gelassen“, denke ich mir. Der große Chili-Cheeseburger mit extra viel Mayonnaise und Fleisch liegt zu Dreivierteln auf dem weißen Pappteller. Ich hebe die vier Teller mit meiner rechten Hand auf und Stapel zwei davon auf meinen linken Arm, die anderen zwei auf meinen rechten. Wackelig trage ich sie in die Küche. „Ey, Claire! Mach mal schneller und zieh nicht so ne Fresse!“, schallt es aus der linken Küchenecke. Mein Chef, ein fetter, stinkender Typ im mittleren Alter, funkelt mich an. Ich merke, dass diese Ansage meine Mundwinkel noch mehr runterziehen lässt und ich schenke ihm nur einen verächtlichen Blick. Ich fühle, wie Wut in mir hochsteigt, meine Hände beginnen noch mehr zu zittern. Ich kann nicht mehr. Ich will nicht mehr. Am liebsten hätte ich heute blaugemacht, denke ich beim Putzen des Tisches. Der Lappen, der seine besten Tage schon hinter sich hat, stinkt nach typisch abgestandenem Abwaschwasser, er ist dreckiger als der Tisch. Meine Gedanken laufen über und lassen mich mit mehr Kraft putzen, als nötig. Meine Wut ist so in meine Hände gekocht, dass sie den Tisch zum bersten gebracht haben, das hässliche Plastikgestell darunter ist richtig zusammengebrochen und liegt nun verkeilt und kaputt am Boden. „Na und?“, denke ich mir. „Sind eh hässlich diese Tische.“ Plötzlich fällt mir auf, dass mich alle Gäste verwundert anstarren. Ich stehe einfach vor meinem soeben kaputtgemachten Tisch und starre in die Luft. „Was denn, noch nie ne

MARK: Prall steckt Irina im knappen Rock. Die Strumpfhose glitzt hautfarben unter der knittrigen Schürze und eine Laufmasche beginnt ihren Tag auf ihrem Schenkel. Schweißfilmig glänzt ihr Dekolleté. Die Haut leidet rötlich. Hände zittern leicht. Aufgeklebte Nägel klackern an den Glasteetassen, die sie abräumt. Die Absaätze abgelatscht. flache Schuhe. Abgestoßene Spitzen. Tisch Sieben bestellt. Sie notiert auf dem Bierblock mit einem Kugelschreiber, der nicht mehr schreibt. Greift in die Gürteltasche, Bleistift. Es riecht. Fritten, Bitterkaffee, Croissants. Spülmaschine röhrt. Radio brüllt Dauerwerbung. Trinkgeld klimpert in das Glas am Tresen. Messingmeer mit Kupferinseln. Rücken brennt vor Schmerz. Die Armbanduhr kneift am linken Handgelenk. Schwitzen unter dem Kunstlederriemen. Die Ohrringe zu schwer. Alles zieht. Nach unten. Schwerkraft in den Knien. Sie richtet sic auf, versucht Catwalk. Langsam gehen. Würde, in Würde lächeln. Langsame Lippenzeitlupe. Lider langsam heben. Schreiten. Der Arsch tanzt den Beat. Die Teller schweben auf der Hand. Die Haare wippen köstlich. Die Beine sind länger, viel länger. Die Gürteltasche klatscht geil auf den Schenkel. Tausend Augen werfen ihr Hitze in den Rücken. Sie gleitet auf Gelee aus Begehren. Üppig bratzt sie durch die Sinne der Kunden. Tanzt gewaltig im hastigen Atem hungriger Gäste. Setz

PRIESTER 90 Sek.

THERESE:
Mein Bart ist nun frisiert. Ich streiche stolz durch meine soeben gegelten Haare. Neuer Style, denke ich mir, neues Glück. Schnell ziehe ich mein Gewand und die Kette mit dem großen schweren Messingkreuz an und schlüpfe in meine Lederschuhe. Ich muss mich beeilen, die Messe fängt gleich an.  

MARK: Ich hebe die Arme, weite sie, spreche, rufe langsam und groß das bedeutende Wort. Lang, tief wie ein Fischernetz werfe ich in Zeitlupe das Wort Gottes ins Kirchenschiff und lasse es klingen. Der Hall legt sich über die Häupter der Gemeinde und ich werfe das weitere Wort. Salbe aus Klang und Wogen aus Botschaft, sonor und fest schwingt meine Stimme

TAG 7

LUFTBALLONVERKÄUFER 5

THERESE: Ein orangener Hund, ein lilanes Pferd, ein blauer Papagei. Aus aufgeblasenem Gummi trägt der kleine Mann mit dem schwarz glänzendem Zylinder seine Tiere durch den in der Frühlingssonne scheinenden Park. Heute hat er wieder nichts verkauft. Viel ist er schon rumgelaufen. Seine Knochen schmerzen bei jedem weiteren Schritt ein bisschen mehr, sie scheinen aneinander zu schlagen und fühlen sich hohl an. Er zwingt sich, den Kopf oben zu halten, aufrecht, sich vorzustellen, dass der Himmel eine Ballonschnur an den obersten Punkt seines Schädels geknüpft hat und ihn stetig hochzieht. Seine mit Falten und ledriger Haut überzogenen Hände halten die Schnüre der Ballons ganz fest, sie umfassen sie wie einen kostbaren Schatz. 

MARK: Bunte, glänzende Gascontainer in Formen von Tieren und Monstern, die bassig ploppend gegeneinander schlagen im Küstenwind. Der Luftballonhändler steht am Ostseerummelplatz und die Autoscooterbumsmusik drückt die Möwenschreie weg. Sein Gesicht ist hölzern, die Augen leer und ohne Ziel. Um seinen Hals trägt er eine Ledertasche mit der Kasse. Kein Kind, das sich ihm nähert. Eine unheilvoll vibrierende Luft umgibt ihn, wie er da steht in seiner Jeans, dem Ölmantel und den schmutzigen, zu großen Turnschuhen. Die Hände starr am Körper, den Mund aufeinandergepresst. Menschen mit Kinderwagen und Zuckerwattetürmen gleiten um ihn herum, keiner schaut ihn an. „Gewinne“ hallt es aus der Losbude, gebrannte Mandeln und fettiges Schweinekotelett treffen sich in der Nase zu einem gewalttätigen Schlagabtausch. Das Duell des Fett

OBDACHLOSES KIND 10

THERESE: Die Autos ziehen im fahl schimmernden Abendlich an ihr vorüber. Schnell, rasend schnell, hektisch bäumt sich der Lärm der Metropole vor ihr auf und legt sich wieder, bäumt sich auf und legt sich wieder. Kein Schutz. Kein Schutz vor dem Lärm, der Nässe, der einsetzenden Dezemberkälte, der neugierig-abwertenden Blicke der Passanten, Herzschlagen, immer und überall, Angst vor der einsetzenden Dunkelheit. Sie zieht ihre graue Wolldecke noch fester um ihren kleinen zitternden Körper, schließt die Augen, versucht, zu lächeln. Es gelingt nicht. Sie spürt die gelbe, stechende, leere Spitze der in sie hineinkriechenden Einsamkeit ihre Haut verletzen. Bitte nicht, denkt sie. Nicht schon wieder, ich hab mich doch dran gewöhnt…Aber sie ist da und nimmt jetzt schnell von ihr Besitz. Das Gefühl der Bedeutungslosigkeit, kriechend und kalt, ist jetzt überall in ihrem Körper und geht nicht mehr weg. Ihre Augen füllen sich mit Tränen, sie laufen heiß ihre kalten Wangen hinunter, sie wischt sie schnell weg. Niemand soll das sehen. Plötzlich sieht sie ihre Eltern vor sich, da! Da stehen sie hinten an der messinggrünen Laterne und winken ihr zu. Sie lächeln. Sie springt auf, möchte zu ihnen rennen, sie umarmen, die Hände ihrer Mutter auf ihrem Gesicht spüren, die sanfte Stimme ihres Vaters hören, in die weichen Augen ihrer beider Eltern blicken. „Mama! Papa! Ich bin hier!“ Sie schreit zu ihnen herüber. Sie hören sie nicht. Sie 

MARK: Ein Stück Pappe ist von dem Falafelpackungsrest mit der Starbucks-Aufschrift ganz durchgekaut in den kleinen schmutzigen Händen zurückgeblieben und der Junge hält es fest in seinen Fingern. Er zieht die Knie an auf seinem Karton, auf dem er unter der Eisenbahnbrücke sitzt und wartet, dass ihm jemand ein paar Cent in den Becher wirft. Immer wieder fällt sein Kinn auf die Brust, der Schlaf holt sich, was er braucht, der Kleine kämpft. Seit ein paar Wochen trinkt er Schnaüps gegen das Heimweh und der Nebel im Kopf breitet sich in die Glieder aus. Jetzt lächelt er ein bisschen, träumt von zuhaus. Dem Garten, den Sommerferien mit den Großeltern  an der Ostsee. Strandkörbe. Rikschas radeln vorbei, mit Touristen, die auf die Leuchtreklamen der Theater und Kinos starren und dem Fahrer Trinkgeld zustecken. Fahrende Strandkörbe, die surren, den Wind trennen und hinter ihnen Schatten zurücklassen. Der Junge pustet sich eine Strähne uas dem Gesicht. In der Nacht wurde er wieder bestohlen, die Mütze ist weg. Er hhat gemerkt, dass jemand kam, war angsterstarrt und wehrt sich nicht. Blutergüsse an den Armen malen Bilder in den trunkenen Dunst im Gehirn. Schweres Atmen, gezischte Kommandos, Flüche. Harte Griffe an die Oberarme, eine Hand, die ihm die Hose runterriss, die Schläge.  Tränen sammeln sich in ihm und bleiben, wo sie sind. Er schaut glasklar auf die andere Straßenseite, den Imbiss, die Einkaufenden, die für einen Burger und eine Cola am Fenster stehen und auf ihr Handy starren. Taxis rauschen durch Pfützen, ein BMW 

LKW-FAHRER 90 Sek.

THERESE: Schon wieder dieser Blick. Dieser lüsterne, gierige, auch abwertende Blick. Müde zieht sie die Fahrertür zu. Sie ist ganz in Leder gekleidet, die blonden Haare streng zu einem Zopf zusammengebunden, 

MARK: Es kribbelt unterm Dekolletee, das karierte Hemd hat sie offen, drunter ein Shirt, die Sonne gleißt ihr ins Führerhaus und Carole King singt von Freundschaft, sie isngt laut mit und der festgezurrte Ponytail zieht an ihren Schläfen. Sie rutscht in ihtrer engen Jeans 

TAG 8

RADFAHRER/-IN 5

MARK: Keuch. Surrend das Ritzel, die Füße knallen durch die Pedalkreise. Asphalt fetzt unter den Reifen. Hinter mir Windschatten. In 90 Sekunden fährt der Zug. Ich muss das Rad mit in die Bahn nehmen, zm Anschließne habe ich keine Zeit mehr. Enspurt. Bin außer Atem und durchgeschwitzt. Der Mantel hängt schwer an den Knochen. Ich sehe den Bahnhof, will verlangsamen, aber trete noch mal richtig rein. Kaun noch Kraft- Sehe den Zug ratternd einrollen, der Bahnsteig ist voll. Zum Glück, das Einsteigen dauert länger. Ich heize um die Kurve, fahre beinah einen dicken Raucher um und komme vom Rad. Klappe das Brompton zusa,men, erst die Sattelstange runter, dann das Hinterrad eingeknickt, die Rumpfschraube lösen, Vordertein auf links gedreht und die Lenkstange abgeknickt. Schwer atmend finde ich meinen winzigen Stehplatz im Türbereich des roten Regionalzugs. Es stinkt mal wieder. Wenn es regnet, stinken die Leute wie nasse Hunde. Manche. Andere riechen wahrscheinlich nicht. Ich versuche, auszumachen, wer der 

THERESE: Die Frühlingsluft zieht milde an mir vorüber, wie ein zarter Schwarm Vögel, die es nach Süden zieht. Meine Füße treten den immer gleichen Rhythmus in die eisernen Pedale, 1,2,1,2,1,2. Die Kette des gold lackierten Fahrrads klirrt leicht bei jeder Umdrehung der Speichen. Eben ist meine Fahrbahn, eine Allee von Pappelbäumen säumt meinen Weg und ich höre leises Vogelgezwitscher. Mein Papa fährt hinter mir. Da! In dem einen Baum, ein kleiner schwarzer Rabe! Sieht aus wie Rabe Socke aus dem Fernsehen! Meine Augen heften sich an das kleine Tier und jetzt komme ich ins Schwanken. Ich verliere dir Kontrolle über das Lenkrad, Unsicherheit steigt in

BALLERINA 10

THERESE: Tütü – eine rosa Zuckertorte in ihren Ohren. „Mama, ich will auch ein TÜTÜ !“  Elena blickt ihre Mutter mit ihren großen Kinderaugen an und zieht den Mund zu einer Schnute. „Später kriegst du eins“ vertröstet sie die Mutter. „Jetzt gehen wir erstmal zu deiner ersten Stunde“. Der Geschmack von Bitterschokolade und Tränen macht sich jetzt in Elenas Mund breit, wird aber gleich königlich abgesetzt durch die Sprengkraft der Vorfreude, der Geschmack von Erdbeerquark mit Sahne. Zusammen laufen sie durch den großen grünen Park zum kleinen versteckten Ballettstudio. Der lichtdurchflutete Saal lässt die Ballettstangen in Gold erstrahlen.Elena rennt ekstatisch auf die weite Fläche aus gebohnertem dunklem Holz. „Mademoiselle! Runter da!“ Eine Stimme, schneidend ins Tronmelfell wie ein Messer, durchzuckt den Raum. Die Ballettmeisterin stakst auf Zehenspitzen durch die Flügeltür. Ihre dunklen Augen sind mit Lidrstrich kleiner geschminkt, der Mund ist zu einem dünnen Strich verzogen, die Haare kleben streng am Kopf. Sie umfasst ihre schmale Taille, die in einen schwarzen Body gepresst ist, und macht eine Dehnübung. „Als erstes solltest du hier lernen, dich zu benehmen“, sa

MARK: Dunkle Strahlen Lichts gleiten üner die Holzpaneelen des Bühnenportals aus dem frühen 19. Jahrhundert. Der Tanzboden klingt unter den schwerelosen Landungen der springenden Tänzerin. Sie probt, in ihren Leggings und dem schwarzen Baumwolltop, ein Stirnband hält das lange Goldhaar zusammengebunden auf ihrem schlanken Kopf. Wie ein unwirkliches Steppentier, eine von außerirdischer Schönheit geküsste Giraffenkönigin gleitet und schwebt sie durch alles hindurch. Sie geht durch Wand und Boden, Schwerkraft gilt für die anderen, sie ist die Verfleischlichung der Leichtigkeit, die Atem gewordene Bewegung, die Verflüssigung der Struktur, die Verdampfung der widerständigen Masse. Sehnen pulsieren auf ihrem Hals und verraten die Höchstleistung unter der Erscheinung, der federhaften Maske ihrer Kunst. Ein Körper aus Muskeln, Sehnen und Adern, die die Knochen im Griff halten und sie beweglich bestimmen. Sehnen, die Befehlsgewaltig schreien: Strecken, Beugen, Strecken, Beugen, weiter. In der Luft wohnt das Glück, im Flug die duftende Streichelung der Freiheit. Die Stoffe der Kleidung zeigen keine Schweißstellen, da wohnt Disziplin auch im Schwitzen. Parkett knarrt. Schrauben, die aus dem Holz ragen. Es duftet nach Geschichte. Staub auf Spiegeln. Eine monsterhaft eingafallene Fratze in einem Brautkleid. Rosa Pferdchen an einem Mobile. Kinderbett ist nicht sicher. Es steht auf Gelee, Fußboden aus Säre. Draußen singen Vögel, andere Kinder spielen und rufen. Sie trainiert. Spagat, Plie, Gerade stehen, Hals strecken, Hände. Kontrolle über den Körper, dieses Wesen aus Fleisch

JUNGER HUND 90 Sek.

MARK: Wedel wedel. Übel riecht das süße Tier. Stinkfell unterm Tisch. Die Augen verzaubern mich mild und liebend. Ich will das Tier halten und an mich drücken trotz Stinkung. Wedel. Reib am Bein, spring an, hechel. Zunge raus. Jetzt gähnt das Baby und stinkt noch mehr. Frauchen glänzen die Augen. Dummes

THERESE: Auuuuuuuu auuuuuuuu wuuuuuuu wuuuuu wuf ! Wuf ! Wuf Auuuuuuuu ! Wie eine Alarmanlage auf höchster Stufe schreit die Belle des schwarzen Labradors durch die Straßen Weddings. Er will was erleben. Sein Fell g

TAG 9 WHEN-WRITING

SOMMERLICHER REGENSCHAUER 5

THERESE: Die Luft ist schwül und schwer. Der Badesee glitzert in den trüben Sonnenstrahlen in seinem letzten Licht für den heutigen Tag. Die Badenden, die Kinder und die Alten, die Liebenden und die Einsamen, die Dicken und die Dünnen haben das Wasser verlassen und stehen nun unter dem kleinen Holzverschlag am Ufer. Es grollt. Donner rollt heran wie ein gefährliches im Verborgenen verstecktes Raubtier. Der Himmel verfärbt sich apokalyptisch orange. Ein Tropfen fällt in das Zentrum des in Erwartung bebenden Sees. Epizentrisch verteilt sich das Gewicht des Tropfens auf der Seefläche. Immer mehr Tropfe

MARK: Das Gras ist hüfthoch und wir liegen lächelnd und schauen in den Himmel. Deine Hand findet meine und ein Stromschlag vereint unsere Fingerspitzen. Du schaust tief in mich hinein, ein Wasserfall aus Tönen stürzt durch meinen Körper und unsere Lippen kosten einander. Unsere Sachen verschwinden, Du sitzt auf mir, Dein Becken bebt auf meinem, Deine nassen Lippen atmen in meinem Mund. Von der Sonne aufgehitzt bäumst Du Dich unter den ersten Tropfen des plötzlichen Schauers auf mir auf, dann gießt es gewaltig, Massen von Wasser stürzen auf uns, Dein Haar ist nass und wir baden im Guß der Lust, Du vibrierst auf mir, der Regenkrach schluckt unsere Schreie, Deine Haut klatscht platschend auf meine, wir

ABITUR 10

MARK: Es ist vollbracht. Der Bretterboden der alten Aula entgleitet meinem Schritt, der in den letzten Jahren so sicher geworden war. Meine Sneakers scheinen wegzurutschen wie auf einem eisigen Karrussell. Lächeln. Wie bekifft glühen meine Ohren. Ich habe geflucht, Kopfschmerz bleiern durch dieses Gebäude geschleppt, müde meinen schweren Körper und meine halboffenen Lider durch die linoleumverstunkenen Gänge gewuchtet, in denen die hysterischen Nervstimmen der Unterstufler meine Ohren penetrierten. Die grässlichen Gongs, die wichtigtuenden Tutoren, die hässlich angezogene Sekrtariatstante, die früher immer die bösen Briefe an die Eltern unterschrieb, alle werden zu Freunden, die ich liebend umarmen will, denen ich unter Tränen danken will, ich sehe mich inmitten dieser lenkenden Gestalten mit einem Glas Sekt in der Hand große Gesten verschenkend in aller Ruhe eine Rede haltend – danke, dass Ihr an mich glaubtet, mir durch Eure Härte den Weg geebnet habt, an dessen Ende ich heute steh und der zugleich eine Sprungschanze, eine Raketenabschussbasis, eine rauchgeschwängerte tanzflächenartige Ackerlandschaft meiner Persönlichkeit ist. Hier sprießen die Knospen meines Wesens, Pflanzen werden sie, Sträucher, Büsche, Blüten – eine Botanik, in die Ihr investiert habt, Ihr habt gegossen, gedüngt, mit Euren Worten, Eurem Zischen, Keifen, Drohen, Gutzureden habt Ihr meinen Boden genährt und heute übergebe ich mich auf Eure hässlichen Lehrerschuhe, mit den Säumen eurer widerwärtigen Cordhosen sollt Ihr in meinem Erbrochenen waten und tauchen in meinen Beleidigungen und Demütigungen, die ich euch heute in eure gelangweilten und der Welt abhanden gekommenden Gesichter peitschen will. Eure wohlmeinenden, duftschnackenden Heuchelstimmchen sollen verstummen, wenn ich euch die Arie meiner Befreiung um die haarigen Ohren schalle, Ihr nach Kohlsuppe und Lehrerzimmerduft dünstenden Mittelmaßjunkies, 

THERESE: Die lange Nase von Herr Döbel-Klausner hat etwas aufgenommen. Sein großes sowie feines Organ sucht nach Tätern. Es riecht einfach viel zu sehr nach ALKOHOL, pfui, denkt er. Denen werde Ichs zeigen! Nur weil sie hier jetzt bald abhauen heißt das nicht, dass sie sich benehmen wie ein Gartschnschlauch, krumm und dreckig! Schimpft er vor sich hin. Er bemerkt in dem kleinen Seitengang im Ostteil der großen Schule nicht die kleine Bewegung an der hinteren Wand. Alicia hat sich hinter einem Tisch versteckt und gibt nun das Zeichen. Langsam hebt sie ihre Hand, beobachtet währenddessen Herrn Möbel-Klausner scharf, wann er an geplantem Punkt ankommt. Maximilian steht auf dem Schnürboden und sieht Alicias Hand immer höher wandern, gleich gibt sie das finale Zeichen, gleich darf er sich rächen. Rächen für 8 Jahre Schikanen, für 8 Jahre Angst, für 8 Jahre Schmerz. Erinnerungen schießen im wild durch seine Synapsen, wie Herr Möbel-Klausner vor der ganzen Klasse einmal seine Schulranzen geleert hatte, ausgekippt auf dem kalten Linoleumboden, alle lachten , niemand half, er musst das Zeug alleine wieder aufheben. Der Moment, aller ihm mit süffisantem Lächeln eine sechs plus auf seine Mathearbeit gedrückt hatte. Die vielen Momente, wenn er ihn immer ignorierte, egal wie viel er sich bemühte, sich zu melden, mitzumachen. Aber das war jetzt vorbei. Die Hand von Alicia schnellt hoch. Maximilian kippt jetzt mit voller Kraft den Eimer mit klebrigem grünem Schleim vom wackeligen Schnürboden. Herr Döbel-Klausner schreit laut auf 

HOCHZEITSBESPRECHUNGSDINNER 90 Sek.

THERESE: Weiß und sahnig wölbt sich das Kleid aus Tüll und Seide über ihren Körper. Alles ist sahnig, schaumig, fluffig an diesem Tag. Sie schaufelt zentnerweise Sahnetorte in sich hinein, der Champagner ist cremig, i

MARK: Ich lächle versteinert. Meine Tochter will diesen BMW-fahrenden viel zu laut redenden, breitbeinig umherposenden und übertrieben rasierwassergeschwängerten Telefonverkäufer heiraten. Seinen langweiligen Namen tragen. Er sitzt da bräsig und stolz und ohne Sinn und Stil in seinem 

TAG 10

6 UHR MORGENS 5

MARK: Dunkel. Still. Über mir ist nocj kein Getrampel, draußen fährt kaum ein Auto über den regennassen Kopfsteinpflasterbelag. Keine Müllabfuhr, die lärmt, kein Vogelzwitscherterror, es ist Winter. Ich tapere wie unter Glückshypnose durch den leeren Raum, kein Teleophon, dass klingeln würde, keine relevante E-Mail, die mir die Nervosität in den Leib schicken würde und mich unter Systemspannung setzte. Ich drehe das Wasser auf im Bad. Mein neuer Spiegel hat ein warmes LED-Licht, das sich langsam auf Helligkeit dimmt und die matten Anthrazitkacheln wie eine allmählich aufgehende Äquatorsonne streichelt. Warm läuft es über meine Handgelenke und ich klatsche mir das Wasser auf die müden Lieder. Nackt gehe ich auf den kühlen Fliesen in den Duschbereich, der ohne Schwelle dem Fliesenfußboden folgt, drehe die Fontäne auf und lasse sie erst eine Weile laufen, bis sich die Wärme von der fallenden Wassersäule aus in den Raum gebreitet hat und der salbende Dampf meine Brust touchiert. Ich trete ein in den Tropenregen und räkele mich unter den fallenden

THERESE: Rot-golden strahlt es hinter meinen geschlossenen Lidern. Die frühe Morgensonne kitzelt mich mit ihren langen Strahlen wach. Ich will noch nicht. Vorsichtig öffne ich mein eines Auge und blinzle in meinen lichtdurchfluteten Raum. Ja, du Sonne, schein du nur, es interessiert mich nicht. In meinem Zimmer der Geruch von kaltem Zigarettenrauch, abgestandenerem Bier und scharfem Schnaps. Die Geruchsfahnen der Spirituosen fliegen wie Pfeile direkt in meine Nase und treffen mich so stark, dass ich augenblicklich wieder beide Augen zukneife und mir die weiche Decke über den Kopf ziehe. Was war das gestern nur schon wieder? Und was ist heute überhaupt für ein Wochentag? Draußen knallt es plötzlich laut und jemand brüllt auf berlinerisch primitive unverständlich Dinge. 

ERSTER SCHNEE 10

THERESE: So muss es im Himmel aussehen, denkt sie sich. So weiß, so strahlend. So muss es sich im Himmel anhören. So leise, so gedämpft. Kein einziger Ton drängt an ihr Ohr, alles wird gebremst von der großen weißen Schneedecke. Wie ein großes schlafendes Tier liegt sie über Häusern, Autos und Bäumen. Vorsichtig setzt sie ihren kleinen nackten Fuß auf das weiße Pulver. „Schnee“ nennt man das, hat ihr Papa gesagt. Und dass sie nicht mit nackten Füßen rausgehen soll. Aber sie spürt jetzt nur die weiße, kalte Verlockung und denkt nicht mehr an ihre Füße. Als ihr Fuß die Schneedecke durchbricht, macht es ein knirschendes Geräusch. Sie lacht darüber und setzt gleich den nächsten Fuß auf den ruhenden nachgiebigen Schnee. Knacks. Knacks. Knacks. Immer schneller läuft sie auf dem eisigen Teppich, süchtig nach noch mehr Geräusch, noch mehr weiß, noch mehr Kälte. Sie saugt die kalte Luft in ihre kleinen Lungen ein und spürt, wie ihre Backen immer röter werden. Jetzt schmeißt sie sich auf den Boden, will nur noch diese kalte, klare weiße Maße auf ihrem Körper spüren, an ihrem ganzen Körper, beißt jetzt in den Schnee, spuckt aus, weil ihre Zähne von der Kälte schmerzen, benetzt jetzt nur ihre Lippen und spürt, wie de kalte Klumpen plötzlich in ihrem warmen Mund schmilzt und zu Wasser wird. Sie trinkt

MARK: Es liegt Spannung in der kühlen Luft. Windstill ist es und die Nacht ist still. Ich spaziere auf dem Seitenweg, der mich durch die Altbausiedlung und ihre schmalen Gassen zu meiner Dachgeschosswohnung in Bremens Ostertor führt und höre die Tritte meiner Ledersohlen in den schmalen Schluchten hallen. Kein Mensch hier, alle schlafen. Dann der Augenblick des Sich gewahr werdens; ich schaue nach oben in den schwarzen Himmel und eine leise Flocke landet zärtlich auf meiner Oberlippe, kühlt mich mit der Kraft ihres Wesens und stirbt dahin, gebiert eine Träne aus sich selbst, die ich in meinen Mund fließen lasse. „Danke“ hauche ich der Natur in die allmählich sich sprenkelnde Schwärze ihrer Umarmung und schreite langsam und aufrecht weiter. Schnell legt sich die erste Weiße dieses Winters auf die Bordsteine, die parkenden Autos, die ihre gewalttätigen Konturen verstecken und das Bild der Nacht nicht mehr stören, sie werden vereinnahmt. So wie der Lärm. Es tobt leise von oben, immer dicker und dichter wird der fallende Flockenteppich, der die Stadt massiert und stillegt. Keine Schritte, die noch hallten, keine Autos, die noch lärmten, führen hier welche. Keiner, der das Haus verlässt, ich bin allein in diesen Straßen, die vor über hundert Jahre Hufe trugen und eisenbeschlagene Kutschräder aushielten, die sich jetzt von dem Erguss des Winters in eine Rutschbahn verwandeln, die schon in wenigen Stunden von den Patrouillen der Vernunft und ihren unpoetischen Streuwagen neutralisiert werden. Ich genieß0e, ich drehe mich auf dem lichten Teppich aus wohliger Kälte und bade in der Orientierungslosigkeit der fehlenden Akustik, dem Glück des schalltoten Raums, der Stille, des Einsseins mit der Zeitlosigkeit. Da hinten ist jemand. Hinter dem parkenden LKW, der als weißer Klumpen seine Kontur verbirgt, taucht Nathalie auf. Sie ist noch nicht ganz weiß, sie muss gerade aus dem Haus gegangen sein und geht zur Arbeit in der Bar. Ich 

OSTERSONNTAG 90 Sek.

MARK: gestern Abend konte ich nicht einschlafen, war so aufgeregt! Ich bin schon 5 und jetzt werde ich wach, früher als sonst. Bin mit Mama und Oma auf Wangerooge, draußen ist es hell und sonnig. Gleich werd ich geweckt, dann gehen wir sicher in die Dünen, wo etwas versteckt ist. Schokoladenhasen und weiße Zuckereier, in einem grün angemalten Körbchen mit grüner Serviette wird Nappo, Treets und leckeres Zeug liegen. Und es gibt Orangensaft. Ich habe einen großen spiralförmigen Plastikstrohhalm, der ist fast einen Meter lang. Mit dem trink ich dann den ganzen Tag alles, was es gibt auch meinen Hagebuttentee, auch wenn Mama das nicht will. Tee trinkt man nicht mit Strohhalm, denkt sie 

THERESE: Trübe lächelnd schaut mich das Lamm aus hellem Kuchenteig an. Ich bringe es nicht übers Herz, in sein Gesicht mit dem scharfen Messer reinzustecken und…es zu vertilgen. Vielleicht könnte ich ja… nur den kleinen Popo abschneiden…aber das sieht ja auch nicht gut aus. Vielleicht es einfach gar nicht essen? Ich schaue sein mit Puderzucker umrahmtes Gesicht an. So lieblich schaut es, nein, bitte nicht, scheint es zu sagen, iss mich nicht! Ich bin doch dein Zuckerlamm! 

TAG 11

SPÄTER ABEND 5

MARK: Die Kerze im Glas auf dem alten Holztisch. Vor 30 Jahren hat jemand die Leisten, die eine kreisrunde Tischplatte formen, rot gestrichen. Jetzt liegt eine zu kleine quadratische Tischdecke in verwaschenem grau auf dem Gartenmöbel, in dessen Mitte ein Kerzenstummel in einem Wasserglas dem kleinen Innenhof sein Nachtlicht schenkt. Unter der Kastanie sitzen wir. Nachbarn, Freunde. Da ist Elvira, die gerade mit Josi hierhergezogen ist. Die beiden gucken nett und glücklich, sie reden selten und halten ihre Hände. Kurt von früher sitzt da mit seinem Bart und dem eigenen Bierkrug mit Deckel, er bringt ihn immer mit. Er braut sein eigenes Bier, keiner sonst trinkt es gern. Ruth liebt Martini und trinkt Rioja. Sie ist heiter und hat diese abenteuerliche Not im Blick. Erkan ist ein junger Polizist, der einen riesigen Schlüsselbund in seiner Hose spazieren führt. Es duftet nach Herbst schon ein bissch

THERESE: Träge legen sich die matten Lider auf die so viel bewegten Augen. Der große mächtig Schlaf zieht das Bewusstsein wie einen Schleier vom Kopf des Ermatteten und verführt ihn zur Nacktheit, Offenheit für das Ungewisse, Verborgene, Geheime. Aber es ist noch zu früh. Der Tag ist noch nicht ganz an seinem befriedigendem Ende angekommen, da ist noch etwas, etwas kleines, etwas feines, die Sahnekrone auf dem Tag. Die Lider öffnen sich wieder langsam und die nun wieder wacheren Augen erspähen durch die Fensterscheibe ein

BEERDIGUNG EINES GELIEBTEN MENSCHEN 10

THERESE: Der Geschmack von Johannisbeergelee. So schmeckte Sie, wenn ich sie küsste, sie so oft küsste, in ihre langen weichen Haare fasste, ihre Lippen auf meinen spürte, in ihre tiefblickenden Augen sah. Sie sieht schön aus, wie sie da liegt, zwar blass und fast marmorhaft, aber ihre Mundwinkel ziert ein deutlicher Knick nach oben, sie lächelt. Das hässliche aus weißen Lilien bestehende Blumenboquet in ihren starren Händen wirkt wie eine Parodie. Überhaupt, das alles hier, der sterile Aufbahrungsraum, der dämpfende Teppichboden, die matten Lichter an den Wänden, die leise, klassische Musik aus den alten Boxen, die Gesichter der anderen Gäste, es ist wie im Film. Und jetzt ist es hier, bei mir, ich sehe mich plötzlich von außen, wie ich da stehe, mit herabhängenden Schultern, zitternden Händen, einen Strauß Rosen in der Hand. Ich trage mein Herz mit mir herum wie einen großen leeren Raum, ich will ihn füllen, mit all den Erinnerungen, die ich an sie besitze, aber er bleibt leer, ich kann nicht weinen. Meine Augen sind trocken, mein Hals ist wie zugeschnürt, Schweißperlen auf der Stirn. Ihre Mutter kommt zu mir und legt mir ihre faltige Hand auf meine. Sie sieht mich mit wundernden Augen an, fast als wollte sie sagen: „Was ist falsch mit dir? Warum weinst du nicht? Was machst du überhaupt hier?“ Ich halte das nicht mehr aus. Ich reiße mich los und renne aus der Halle. 

MARK: Watte im Blick. Ausgeheult. Stumme Schritte. Ich nehme alles um mich herum wahr wie sonst nie zuvor. Den Duft des Waldes nahe dem Friedhof, die patschenden Schritte, die wie Punkte an einem Satzende in den weichen, von Tannennadeln belegten Erdweg sinken und Ewigkeit schmecken lassen. Gültigkeit der Klänge. Dieser Vogel, er singt eine Melodie, die er nie wieder so singen wird. Ich spüre diese Endlichkeit hier an diesem Ort in meinem Körper wie freundliches Blei. Der Pfarrer übt seinen Beruf aus. Kostüm wie im Schultheater. Die Pose des Mitgefühls hilft ihm, in eine demütige Körperhaltung zu finden, die ihm trotzdem einen nötigen Rest Kontrolle lässt, er ist ja hier der Chef. Der Tod ist in unser aller Gesichter. In einem Moment, der von einem leisen Sonnenstrahl erhitzt sich durch die Gesichter der vielen bekannten und fremden Trauernden bewegt, wird der Schmerz über die Endlichkeit unserer Seins zu einem erlösenden Miteinander. Ein kurzer Blick ins Menschsein jenseits des Weltenhorrors, der widerständigen Lebensführung, der steinernen Wegungen durch Erwartungsbarrikaden, über Hoffnungsbergzüge und Angstfronten. Durch Gehege zähnefletschende Realitätsmonster und bissiger Giftschlangen des Selbstzweifels. Vorbei am großen Feld mit Lebensernstrindern und durch die Legefabrik der Fleißhühner. Hier zwischen Granitsteinen und Eibenstrauch, hier wird nicht geschwätzt. Hier braucht jeder Buchstabe eine Stunde, bevor der Steinmetz ihn für alle Zeiten ins Marmor geschlagen hat. Der Gedanke hat Zeit, bevor er sich offenbart im Wort. Wohltuend. So will ich meine Lieder schreiben. Mit der Klarheit des Steinmetzes. Aber wo bleibt dann das Chaos, der spielende Irrsinn umhertobender Gedankenbabys, die sich um all das nicht scheren? Die sprießenden Knospen des herrlicehn Unfugs, mit denen mich mein Geist, meine Seel zu überraschen verstehen? Der Buchstabe des Tods, der Urklang des Beginns, das ist alle

ÜBERQUEREN DER ZIELLINIE 90 Sek.

MARK: Ich springe meinen letzten Schritt. In zeitlupe, so fühlt es sich an, entspannt mein Körper nun endlich, ich lächle, das Lächeln ergreift mich von innen, Tränen der Erlösung platzen aus meinem geschundenen Läuferleib und mit einem gültigen Platsch setzt sich mein Vorderfuß einen Zentimeter vor der roten Ziellinie auf dem sonnenerhitzten Aspjlt a

THERESE: Jaaaaaaaaa! Jaaaaaaa! Jaaaaaaaaaaa! Mein Bauch fällt auf die heiße, rot-weiß gestrichelte Laufbahn. Mein Herz rast wie verrückt, es ist vorbei, es ist vorbei! Das Gefühl des Siegs und der Konkurrenzlosigkeit breitet sich in mir aus wie ein alles entfachendes Feuer

TAG 12

KLIPPE AM MEER 5

MARK: Krachend entlädt sich das Wellengebilde am harten, nassen Felsen. Es zerstiebt und wird Nebel. Was rollend, brachial daherschiebende Masse aus Nass war, wird Meeresstaub und pudert die Luft mit Salz. Oben stehe ich und höre die heulenden Wellen verenden, das Donnern des Ozeans zu meinen Füßen. Hinter mir Mangobäume, am Horizont die Sonne, die die matte Line küsst. Da unten ist die Hölle, kein Schiff kann diesen Wirbel nehmen, alles zerschellt, was dort landet. Keine Möwe, die dort kreist, kein Reiher, der dort auf dem Steine ausruht. Weiße Bahnen aus Salzbrand, die die Wasseroberfläche im Zeitraffer bepinseln, atemlos hechelnd

THERESE: Die Brandung knallt laut auf die großen moosbewachsenen Kreidesteine. Möwen kreischen in der salzigen Luft, der Himmel zieht über alles sein hellblaues Tuch, es ist gleißend hell. Der Wind wird stärker, die Wellen größer, sie klatschen jetzt wie große gewaltige Urtiere an die Klippen. Ganz oben auf dem Aussichtspunkt für Touristen steht eine morsche Bank. Niemand ist mehr dort oben, menschenleer ragt die Klippe ins gierige Meer. Immer stärker züngeln und lecken die Wellen an der obersten Klippenkante, bald müssen sie die Bank

PARKBANK IN DER GROSSSTADT 10

THERESE: Leise setzt sich Frau Jörgens auf die kleine Steinbank im großen Park. Mühsam kann sie sich hinsetzen, sie spürt jeden Knochen in ihrem morschen Körper, spürt jedes Gelenk knacken, jede Hautstelle bei jeder Bewegung noch faltiger werden. Jetzt sitzt sie. Ihre grau-starigen, aber wachen Augen suchen das Bild vor ihr ab, sie tanzen in ihrem vom Leben gezeichneten Gesicht herum wie zwei grau-blaue Vögel auf der Oberfläche eines tiefen alten Sees. Die Bäume stehen immer noch hier, denkt sie sich, die schönen, alten Bäumen, der Ahorn , die Linde und der große Nussbaum, in dem sie als Kind in einem Baumhaus gespielt hatte. Sie sahen viel, diese Bäume. Spielende Kinder, durch alle Jahrhunderte hinweg, spazierende Erwachsende, knutschende Paare, freudige Hunde. Sie sahen Rassenfanatiker in Uniform durch den Park marschieren, hörten Hetztöne vom Hauptplatz in der Nähe, sahen weinende Menschen an ihren Stämmen Schutz suchen. Alls das kam und ging und kam und ging, aber sie standen da und rührten sich nicht von der Stelle. Frau Jörgens spürt ihre Ruhe, ihre große, alles einnehmende Ruhe. Es riecht nach Zuckerwatte im Park. Frau Jörgens versucht, die 

MARK: Donnernd kracht der LKW über die noch gerade grün beampelte Kreuzung und es hupt ein Taxifahrer. Die Oberleitungen, die die vielen Ampeln tragen, zerteilen den Himmel in ein Netz aus Rechtecken. Ich liege auf der Bank, deren Bretter mal hellblau waren und schaue nach oben. Grau. Gleich wird es nieseln. Klamm ist die Kleidung, ich habe Schrottgeschmack im Mund. Seit Ewigkeiten nicht die Zähne geputzt, Sodbrennen vom Bier. Reste des gammeligen Döners gestern zwischen den Zähnen. Meine Haare fallen übelriechend und in klatschigen Strähnen auf mein dreckiges Gesicht. Bärtig schuppt es an den Wangen und ich vergrabe meine Hände unter den vielen Schichten lumpiger Altkleider, die ich auf dem Leib habe. Die Füße sind kalt, ich habe sie eingewickelt in Stoffreste und getaped. Auf mir ein nach Erbrochenem stinkender Schlafsack. Der Pappbecher am Kopfende birgt einen Schluck Kupfermünzen und mein Magen brodelt. Mir ist schlecht. Ich will Wasser und hab Hunger. Die Münzen sind höchstens 30 Cent. Der Bäcker gibt mir nichts. Ich dreh mich zur Seite und versuch, nochmal einzuschlafen, der Lärm kracht über mich hinweg, Mütter halten ihre Kinder fester an den Händen, während sie ihr Vorbeigehtempo erhöhen, wenn sie meinen Ort passieren. Jemand lässt etwas in den Becher fallen. Es klingt nach Messing. Ist das mein Frühstück? Ich drehe mich um und sehe ein 50-Cent-Stück. Lächeln zuckt durch die trockenen Mundwinkel und meine morschen Knochen spüre ich beim Räkeln. Der Grauhimmel lässt ein Loch entstehen, das einen Sonnenstrahl auf die gegenüberliegende Seite des Weges fallen lässt. Da hat noch jemand eine Plastikflasche mit einem Rest Cola stehengelassen. Cola, Duft und Zauberbr

HOTELBAR 90 Sek.

MARK: Stimmen. die einander überschlagen in Sprachen, vielen Sprachen. Eine abenteuerlich frisierte blonde Pianistin singt Georgia on my mind, wohnzimmerleise und einer der Kellner, die alle Westen über ihren Hemden tragen, an deren Krägen weinrote Krawatten ins Hemdesinnere unter dem dritten Knopf schlüpfen, shaket einen C

THERESE: Leise Klänge aus der Musikanlage, Klänge einer vergangenen Zeit. Es riecht nach Zigarrenrauch und Martini, Rauchschwaden hängen wie vereist in der Luft. Abwaschwasser, Kaviar, Kronleuchter, P

TAG 13

SCHWIMMBAD IN DER VORSTADT 5

THERESE: Dunkel liegen die Silhouetten der großen Plattenbauten in der nebeligen Nacht. Kein Ton bahnt sich seinen Weg aus dem kochenden Kessel des Zentrums der Metropole in diesen Ring, der sie umschließt. In einem mit Beton ausgekleideten Innenhof leuchtet ein Schwimmbecken müde vor sich hin. Es ist mit Stacheldrahtzaun gesichert, gemein ragt er in die kalte Luft. Ein großes Becken, ein Kinderbecken und ein Schwimmerbecken finden Platz auf dem menschenleeren Hof. Plötzlich eine Bewegung. Ein großes Loch im Zaun! Jemand hat mit einer Heckenschere den engmaschigen Draht durchtrennt. Ein Jubelruf, laut, eine jugendliche Stimme. 

MARK: Der Frittengeruch, der staubige Grasatem des Spätsommers, Sonnencremehauchungen im Wind, der entsteht, wenn ein paar Kinder über die Handtücher toben, Zigarettenrauch von der Nachbarinsel mit den tätowierten Brandenburgern mit Cassettenrecorder und leicht zu lauter Gewaltmusik, dralle Mädchen mit knapen Bikinihöschen, die Flutschfingereis lutschen, Muttis mit einem Karton Dickmanns auf der Badedecke. Schwimmbadlärm. Geschrei vom Zehner, Jungs, die mit geschwellter Brust die Leiter hoch und oben gesenkten Hauptes kleinmütig zurücksteigen, ein Bademeister in Hasselhofflook und Attitüde des Sexsymbols, lässt seine Trillerpfeife auf Lendenhöhe schwingen. Chlor riecht nach Sommer, Sommer leuchtet hellblau, Kacheln weichen auf unter den zarten Wellen der Springenden. Die schwarzen Linien der Fugen werden zu einem unbeholfenen Gekrakel in 5 Meter Tiefe. Unter den Füßen das plattgetretene und beinah schon Heu gewordene Rasengras, ewig scheint die Schlange am Kiosk. Eine mannsgroße Schöller-Reklametafel in Form einer Eistüte

BEIM ANGELN AM UFER 10

THERESE: Die Sonne scheint matt auf den spiegelglatten See. Am Horizont leuchten die großen Berge der Schweiz und die Luft riecht nach frisch gebackenen Croissants, gekochtem Kaffee und angebrannter Milch. Kein Geräusch stört diese träumerische Stimmung, außer das Klatschen von nasser schuppiger Haut auf hartes Holz. Der Fisch zappelt hilflos im Todeskampf auf dem Holzsteg, auf den er achtlos geworfen wurde, nachdem der Haken sich in seine Kiemen gebohrt hatte und anschließend wieder herausgenommen wurde. Er blutet am Hals und seine Kiemen öffnen und schließen sich schnell, im Takt seines vergeblichen Luftholens. Seine Augen sehen aus wie immer, starr, unbeweglich, trotzdem scheint er einen Ausdruck in ihnen zu haben, der flehentlich ist. Noch ein paar Mal schlägt er seinen Schwanz auf das unnachgiebige Holz, dann bleibt sein kleiner nasser Körper still in einer verdrehten Position liegen. Jetzt ist es wieder ruhig am See. Doch da! Plötzlich springt ein riesiger, regenbogenfarbener Delphin aus dem blassen Wasser und schiebt mit seiner Schnauze mit einem Satz den reglosen Fisch ins Wasser! Wieder Ruhe. Dann wieder Aufbäumung des Wassers. Der Regenbogendelphin springt zusammen mit dem eben noch totgeglaubten Fisch aus dem kühlen Nass und die beiden machen ein Salto mortale in der trägen Luft! Golden ergießt sich eine eben angeflogene Regenwolke über den beiden und aus der Wolke erklingt

MARK: Ich starre auf den Schwimmer, die Pose. Bald zuckt das Ding, dann beißt einer an, ich hab es im Bauch, ich spür es. Auf dem Campingklappstuhl harrend und in grünen Gummistiefeln sitze ich schon seit Stunden in der Bucht am Werdersee und horche in den Himmel, lasse Großformationen Vögel über mich hinwegziehen, werde Zeuge fallender Tannenzapfen in meinem Rücken und höre allerlei Geruf aus dem Nadelwald, der seinen Weihnachtsduft schon jertzt, im Oktober in meine Nase schickt. Die Ellenbogen auf die Oberschenkel und mein Gesicht in die Handflächen gestützt, hypnotisiere ich den kleinen weißen Stab auf der sich allmählich vom Nachmittagswind kräuselnden braungrauen Wasserhaut. Als fröre sie, so porös gibt sie sich, am Ufer ist das Wasser flach, da lässt es sich auf den Sandgrund schauen, auf die Steine, die in ihm ruhen, die rundgewaschenen Flaschengrünscherben, die Schilfleichen, Grasreste, Seerosenwracks. Die Sehne hängt wie eine Starkstromleitung über Land in einer gleitenden, harmonisch fallenden Kurve über dem Nass, das seine Karpfen vor mir schützen will. Ich biete Wurm und täusche den Fisch mit meiner Geschicklichkeit. Leise nehme ich mental Kontakt zum Tier auf, schwinge meine Gedankenströme auf das Schuppenwesen ein. Als hätt ich selbst verschuppte Haut, sitze ich regungslos und atme wie durch Kiemen mit halboffenem Mund. Spüre meinen Atem nicht, bin ganz still und kühle mich runter. Mir ist, als erweitere ich mein Gesichtsfeld. Habe die Augen links und rechts und schaue zur Seite. Der Kiesweg hinter mir schlängelt sich wie ein Aal am Ufer, bizarre Nadelbaumspitzen erinnern an springende Forellen, es duftet nach Modder, Moos und Wurm. Zu meiner Linken der Eimer für den Fisch, das Messer mit dem runden Knauf am Griff für den finalen Todesschlag, um dem Fisch unnötiges Leid zu nehmen, wenn ich ihm den Haken aus dem Gaumen entferne. Ich kann das nicht. Ich will nicht, bin doch selbst Fisch. Schauer auf der Haut

SEX-SHOP 90 Sekunden

MARK:Durch den schwarzen Vorhang. Regale voll mit Porn, Riesendildos, eine Verwaltungsangestellte mit Lesebrille hinterm Tresen, auf dem unter Glas Handschellen und Buttplugs aufgebahrt liegen. Musik aus dem Radio leise. Einzelne hastige Herren. Klinischer Duft. Teppich, der die Schritte schluckt. DVDs mit Orgienbildern. Spermafon

THERESE: Laut düdelt „You can leave your hat on“ aus den wummernden Billig – Boxen. Der stickige Raum ist vollgestellt mit Regalen, die überquellen vor Produkten. „Analdildos – hol dir jetzt 5 für 2 !“  schallt es hysterisch aus den Lautsprechern. Verruchtheit liegt hier nicht in der Luft, es riecht nach Putzmittel, Desinfektion

TAG 14

IM OMNIBUS 5

THERESE: Kreischende Schulkinder stürmen in den ohnehin schon vollen, klapprigen Bus aus DDR-Zeiten. Beim genaueren Hinsehen sind sie keine Kinder mehr, sondern pubertierende Wesen, deren Vanilledeo-Schweißgeruch sich im Umkreis von 10 m verteilt. Das große Mädchen drückt sich ihr Leberwurstpausenbrot in ihren blitzenden Zahnspangenmund, der kleine Junge mit der sehr ausgeprägten Akne rückt sich seine neu gekaufte Brille zurecht, um noch besser das blasse dünne Mädchen zu begutachten, mit seiner fisteligen Stimmbruchstimme auszulachen und als „Opfer“ zu bezeichnen. Zwei Jungs tauschen erhitzt Yu-Gi-Oh-Karten und zwei Mädchen unterhalten sich angeregt über ihren neuen 

MARK: Ächzend senkt sich der Kasten vorm Bordstein ab und pufft seine Tür zur Seite. Ich stehe im Regen in der Schlange der Passagiere, die am Fahrer vorbei müssen. Zeige ihm mein Ticket auf dem Handy und nehmen meinen Lieblingsplatz direkt hinterm Fahrer ein. Schaue aus dem Fenste. Spüre, wie die Hydraulik den Boden hebt und der Bus mit einem Ruck Fahrt aufnimmt. Auf dem Bildschirm abwechselnd die Route und Werbung für irgendeine Hotline. Hinter mir laute Gespräche. Zwei junge Männer über Fußball. Pizzaro, die Flasche. Keine Ahnung, die Mannschaft. Verlierer. Wissen nicht, was Siegen ist. Pyrotechnik ist kein Verbrechen. Puff. Stop. Boden runter. Die Jungs gehen. Eine alte Frau kämpft sich, den Stock voran durch die widerständige Schranke, die den Ausstieg bei der Fahrertür verhindert. Lässt sich nieder im Niedrigsitz hinter mir, wo vier Plätze, je zwei gegenüber eine kleine Insel bilden. Ich sitze hoch. Habe einen kleinen, aber eigenen Raum. Schaue raus. Auf die Autodächer unter mir, die kleinen Häuschen gegenüber. Bilde eine Blase aus Distanz um mich herum, versuche, die Worte, Klänge, Gerüche, das nassklamme

HOCHZEIT IN EINER ALTEN KIRCHE 10

THERESE: Leise säuselt der Wind durch die alten weiß-gestrichenen Wände des Kirchenschiffes am Meer. Hoch oben steht das Gotteshaus, auf einer felsigen Klippe, umsäumt von moosbewachsenen Baumstümpfen und bunten Wildrosen. Die goldenen Glocken spielen langsam ihr immer gleiches Lied, monoton, aber glückselig. Ihr weißes Kleid ist viel zu schwer. Der Tüll und der Vorhang-ähnliche Stoff ziehen an ihren Brüsten, die eingequetscht in ein geschnürtes Mieder aus Seide sind. Oder vielleicht produziert sie schon Milch? Das Etwas in ihrem Bauch tritt in diesem Moment kraftvoll gegen ihre Bauchdecke. Unwillkürlich hält sie ihre zitternde Hand an diese…Kugel. Niemand ist bis jetzt da. Keine Freunde, keine Verwandten, keine Trauzeugen, noch nichtmal ein Bräutigam. Sie wartet nun schon eine Stunde, eine unendliche Stunde. Die Luft wird schärfer und gräbt sich in ihre langen Haare ein, der Wind zerstört jetzt endgültig ihre aufwendig frisierte Hochsteckfrisur. Kein Geräusch außer das Klatschen der salzigen Wellen an den glitschigen Stein unter ihr. Und ihr Herzschlag. Und der Herzschlag des Etwas unter ihrer Haut, unter ihrem Herzen. Plötzlich packt sie kalte Wut und steigt rasend schnell in ihr auf wie der Kaffee beim Hochkochen in einer Hochdruckkanne. Sie reißt sich die perlenbesetzten Schuhe von ihren geschundenen, mit Blasen übersäten Füßen und schmeißt sie hoch hinaus

MARK: Auf dem Kiesweg zu Fuß im frühen Mai und seinem luftigen Sommervorglüehen nach oben, Schritt für Schritt. Das Sakko über die Schulter, leicht schwitzend. Holzkirche dort oben, Glocken läuten bereits, sehe die anderen Gäste in Grüppchen zusammsenstehen, heitere Gesten austauschend. Komme an, Küsschen hier und da. Skeptische Blicke. Ist das etwa Elke, in die ich in den 90ern so verknallt war? Nein. Sieht ihr ähnlich. Eine schöne Blondine, die mit ihren beinah 50 Jahren alterslos wirkt und ein teenagerhaftes Leuchtfeuer in den Augen spazierenträgt, das ihrer seriösen Erscheinung ein Licht gibt, wie die Seefahrerlampe auf einem geraden schmucklosen Turm. Millionärinnenunderstatement. Hosenanzug in weinrot, chamoisfarbene Bluse, dezenter Goldschmuck. Schuhe in etwas zu gefährlicher Höhe für die meisten Frauen hier. Die Braut ist noch nicht zu sehen, der Bräutigam auch nicht. Männer jeden Alters in Einreihern und Krawatten. Einstecktücher, Budapester. Kies. Keiner raucht hier. Stehtische mit Hussen im Kirchgarten. Champagner auf Tabletts freundlicher Hostessen in engen Leggings, über die ihre Schürzen spannen. Ein Pfarrer erscheint und bittet ein. Auf Dielenbrettern in den holzduftenden, kerzenlichtglühenden, vorsommerlich angehitztet Raum. Stummsein, kollektives Murmeln. Finden in den Bänken. Enges Zusammenrücken. Freundin der Braut singt Ave Maria zum Playback. Pfarrer spricht von Hanna und Michael, zwei liebenden Menschen. Von Jesus, seiner Nächstenliebe, seiner Sanftheit. Vom Glück des gemeinsamen Weges. Ich wähne mich immun gegen Kirchenpropaganda und spüre doch eine Träne meinem Augenlid entkriechen und die Wange hinabrollend mich an mein Gefühl erinnern, das seinen Platz will in meinem Leben. Das zu rufen bereit ist: Intellekt, Du Angeber, alles kontrolliern wollende Wichtigtuere, ohne mich bist Du gar nichts! Ave Maria klingt nach in meinem Körper. Ich sitze, meine Steißknochen spüre ich, das hundert Jahre alte Holz erzählt mir von Zeiten

KANU AUF DEM FLUSS 90 Sek.

THERESE: Schneller! Nicht nachlassen! Weiter, immer weiter auf den Abhang zu! Befehle vermischen sich mit Angst in ihrem helmbetzten Kopf. Da ist der Wasserfall, von dem sie schon so lange geträumt hat, für den sie extra nach Peru gereist ist, für dieses gefährliche, kalte, lodernde, höllische, schöne Nass. Es wird sie gleich in den Abhang ziehen, sie mit sich reißen in die alles vermischende Flut.

MARK: Rauschend kracht die kleine kalte Welle gegen das Fiberglas meines Kanus, ich trotze dem Strom mit dem Paddel in beiden Händen, reiße es auf die andere Seite, um nicht an den kleinen Felsen, die überall den Fluss markieren, zu zerreißen. Eile durch die Schnellen, schwitzend unter meiner Regenkleidung und konzentriert mein Lippen. Eng die Augen. Geradeaus. Ke

CHALLENGE II/Tag 1

ADJEKTIV-SUBSTANTIVKOLLISIONEN

EINSAMES MONDLICHT

MARK: Plot: Ins Fenster des unbewohnten Hauses fällt ein Strahl Mondschein, der sich auf den alten Dielen in der Zimmerecke fürchtet.

90 Sekunden: Ich strahle aufs alte Holz. Es hat geknarrt. Jetzt muss ich hier bleiben, bis sich mein Himmelskörper aus dem Einfallwinkel weggedreht hat. Ich höre Geräusche. Wenn jemand den Vorhang zuzieht, bin ich tot. Ich vibriere vor Angst, mir schlottert das Gelb im Blau. Mir hängt das Lumen im Glanz, ich atme nicht und stell mich stumm

MARK 2014: Plot: Die Wolken ziehen sich vom Himmel zurück. übrig bleibt das einsame Licht des Mondes auf dem schneebedeckten Berg.

90 Sekunden:

Eng fühlt sich de Mondes Raum an, die verdammten Wolken blenden ihn mit seiner eigenen Kraft. Endlich ziehen sie und er kann seine ganze Liebe aufs Tal werfen. Dort lebt es sich mondgemäß: einsam, in Gesellschaft der Ruhe, des stillen Lebens, der schlafenden Tiere und derjenigen, die sich bei der Kälte noch hierhoch trauen. Allein

GESCHWÄRZTE BEERDIGUNG

MARK: Plot: Dunkles Gewittergrollen und ein finsterer Himmel zitieren die Ansammlung von schlechten Gefühlen auf der Beerdigung des herzlosen Milliardärs.

90 Sekunden: Tief grummelt der älteste Sohn mit seinem übellaunigen Bass in dem abgedunkelten Gasthaussalon eine pflichterfüllte Ode auf seinen erzeuger. Missgunst in den kalten Blicken der Schwarzgewandeten, dunkelste Familiengeheimnisse schweben wie eine Wolke aus Schmutz über der Tafel.

MARK 2014: Plot: Dunkle Blicke zerstrittener Familienangehöriger verdüstern den Abschied von einem Tyrannen, der mit seinem Erbe die Nachkommenden terrorisiert.

90 Sekunden:

Diese Luft kann man kaum atmen. Schwer, schwarz und fest greift der Alfred sen. auch aus dem Sarg und hat alle im Griff. Amalie hasst Elke und Elvira. Der Pfarrer übt seine Pflicht aus, Anteilnahme sucht man hier nicht. 

WEICHER HERBST

MARK: Plot: In diesem Oktober gibt es keine Herausforderungen, nur geschmeidiger Fluss der Umstände.

90 Sekunden: Es ist geschmeidig, das Leben gleitet von einem Ruhekissen ins andere. Das Geld perlt cremig aus dem Automaten, die Nachbarn begehren meine Nähe, laden mich zum Kaffee ein. Ich gewinne einen Preis, werde verbeamtet. Meine Freundin liebt mich, meine Tochter sehnt sich nach mir, ich bin Gustav Gans, ich bade in der weichen

(das war kein Herbst, ich mach nochmal:)

Golden und weich wie das Oktoberlicht und wattig wie sein Laub gelingt mir das Leben dieser tage: ich erwache nach sanftem Schlaf und lass mich ins Sofa gleiten, um im herbstigen linden Licht mein Buttertoast zu kosten und freue mich über die satte Versorgungslage, in die ich mich plumpsen lasse wie in ein Plumot. Herrlich kuschelig!

MARK 2014: Plot: Der viel zu warme Oktoberregen verwandelt alles Laub auf den Straßen zu Matsch.

90 Sekunden:

Wie gewärmtes Duschgel fällt der Regen schwer aus dem Oktoberhimmel: viel zu viel und viel zu warm. Das Laub auf den Straßen, eben noch locker frei schwebend und raschelnd, ertrinkt matt im Sud der schweren Last. Zeitungen, Folien, Unrat der Stadt, alles erweicht und im Herbst un

STERBENDER VERGASER

MARK: Plot: Der alte Askona will nicht mehr. Das Benzin läuft so aus ihm raus, er verweigert die Atmung.

90 Sekunden: Harte Stöße im Getriebe statt seidigen Schnurrens. Mein alter Ascona röchelt und sprotzt, er gleitet nicht mehr, er verhärtet und mit ein paar letzten Zuckungen lässt er sich zuende gehen. Keine Luft mehr im System, das Benzin riecht von hinten aus dem Auspuff, zieht eine Tränenspur auf dem Asphalt, er hustet noch einmal erbärmlich, dann pustet

MARK 2014: Plot: Mit letztem Röcheln beendet das Wohnmobil seine letzte Fahrt. Jetzt ist es vorbei. Es ist ruhig.

Seit 30 Jahren auf der Straße und schon hunderttausende Kilometer unter den dicken Reifen. Früher ein jugendliches Surren unter der Haube, jetzt röchelt und keucht und sprotzt der alte Vergaser im alterskranken und ausgedienten Motor seine letzten Atemzüge ins Nichts über dem Aphalt. Mit Restkraft ruckelt das alte treue Mobil, bies schließlich nicht me

FIEBRIGES TASCHENTUCH

MARK: Plot: Er ist bei dem Rendez-vous so nervös, dass das Taschentuch, dass er der Dame reichen will, in seiner zitternden Hand einen fiebrigen Tanz macht.

90 Sekunden: Ein Stück Gelatine vom Erdbeerkuchen klebt an ihrem Mundwinkel. Gentleman sein! Schnell ein Taschentuch reichen! Er nestelt in seiner Sakkotasche und kriegt statt des Tuchs eine Taxiquittung zu fassen, die jetzt an seinem klebrigen Erdbeerfinger bleibt. Dann fasst er das Tuch und es zittert in seiner schwitzigen Panikhand. Beim rüberreichen lande

MARK 2014: Plot: Nach einer Woche harter Grippe gibt die cholerische Sängerin ihr Fieber an ihr Taschentuch ab.

90 Sekunden:

Sie kann kaum noch sehen, alles flirrt zwischen Wach und Schlaf. Tausend Melodien schwirren ihr im Kopf herum, alle auf einml, sie hat die Faxen dicke. Keine Stimme mehr, die Nase läuft, das verdemmte Taschentuch, in das sie rotz, ist vielleicht das Tausendste. Jetzt ist Schluss. mit aller Kraft und Konzentration schneuzt sie ihre ganze Krankheit, all den unnützen Wahn, die terrorisierende Lähmung, das Fieber in d

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EINSAMES HANDTUCH

MARK: Plot: Keiner kauft das Handtuch mit dem Minniemaus-Aufdruck. Es bleibt auf dem Flohmarkttisch zurück und landet in der Gosse. Allein.

90 Sekunden: Wofür hab ich jahrelang dieses verwöhnte Teenagermädchen begleitet, ihr die Haarnässe aufgesogen, sie zugedeckt, wenn keine Wolldecke in der Nähe war und wurde diskreter Zeuge von pubertären Liebesspielen? Jetzt lieg ich hier, beschmutzt und allein, keiner will mich mehr. Undankbar und weggeworfen bleibe ich mit mir allein im Dreck. Was für ein beschissenens Leben, i

MARK 2014: Plot: Ein Handtuch im Gäste-WC des verlassenen Cafés in Wittenberge. Das Handtuch sehnt sich nach einer feuchten Hand, die es umschmeicheln und trocknen kann.

90 Sekunden: Seit Wochen hängt das weiche Frotte am Bakelithaen aus den 50ern. Es sehnt sich so nach einer nassen Hand, die e umschmeicheln und trocknen kann. Bald wird es seine frotteweiche Zartheit verlieren und zu einem brettharten Stück Altstoff verkommen, wenn nicht bald eine seifenduftende hand in seine Schwingen gerät. Ihm ist, als erstickte es in E

GESCHWÄRZTER HERBST

MARK: Plot: Der Sommer war eine Riesenparty, jetzt ist das Geld alle und ich hab keinen Schimmer, wie ich die Miete bezahlen soll.

90 Sekunden: Nach der rosa Brille nun die finstere Perspektibve: Geld ist alle, es wird kalt. Die Briefe tragen Trauer, die Anrufe sind finster, den Mails fehlt es an Farbe, nur noch Mahnungsschwärze und düstere Ängste, die an den früher werdenden Abenden in mich stürzen. Die Nacht frisst meine Tage und in mir ist lichtfreieer Abgrund

MARK 2014: Plot: November in Berlin-Mitte: Sonnenbrillen, schwarze Anzüge, ernste Mienen und aussichtslose Gesichter. Angst vor der Winterdepression.

90 Sekunden: Bleischwer hängt der schwarze Novemberhimmel viel zu tief über der Stadt und packt mit seinem Dauerregen die Straßen in leisen Lärm. Trotz Dunkelheit Sonnenbrillen vor scheuen Augen, schwarze Mantelkragen säumen triste Gesichter und wie Tinte liegen düstere Pfützen in den Bordsteinwinkeln der

STERBENDE BEERDIGUNG

MARK: Plot: Diesem Totenfest fehlt jegliche Energie. Es ergibt sich der Lethargie.

90 Sekunden: Kraftlos die Pastorenstimme. Sie trägt keine zwei Reihen. Ohne einen Fünkchen Hoffnung wird zu Grabe getragen, dass zu Grabe getragen wird. Der letzte Gang in die Tiefe der Erde, die letzte Abschiednahme. Der Abschied selbst kommt heute in den Himmel, dann ist Ruhe. Kein Adieu mehr, kein Lebewohl, kein Wiedersehen. Schluss mit dem Schluss. Das Ende des Sterbens ist

MARK 2014: Plot: Die Beerdigung des einsamsten Menschen der Welt war ein Fest des Todes. Keine Hoffnung, keine Aussicht, kein Trost. Nur Ende.

90 Sekunden: Die Angehörigen kümmerten sich nicht nach dem Ableben ihres Verwandten. Nun lag er im schlichtesten Sperrholzsarg im Abstellraum der Kapelle und kirchenglocken wurden seinetwegen nicht bemüht. Kein Pfarrer, kein Fest, keine Trauer. Alltag des Bestatters. Stumme Träger karren den Leichnam über den verhangenen morgendlichen

WEICHES MONDLICHT

MARK: Plot: Bei einem Nachtspaziergang an der Havel lehne ich mich ans Mondlicht, es umschmiegt mich aufs Allersanfteste.

90 Sekunden: Es nimmt mich sanft in seine Arme und ich lasse mich hineinfallen in die sanfte bläuliche Weichheit seines Nachtlichts, die herrliche umschmeichelnde, an Plüsch und Plausch erinnernde Umarmung der mondigen Streichelung, wie ein schnurriges Katzenfell, wie ein samtiges Pelzchen, wie ein moosiger

MARK 2014: Plot: In dieser traumhaften Liebesnacht fällt das Mondlicht über die Dächer der Stadt ins Fenster und cremt den Körper meiner Geliebten ein wie die sanfteste Lotion.

90 Sekunden: Kein Ton ist zuhören außer dem wohligen Atmen meiner in Ruhe und entspanntem Glück in wißen zerknitterten Laken sich räkelnden Liebsten. Sie badet in den Strahlen des Vollmondlichts, das durch die Lamellen der Jalousie gleichmäßige Streifen wirft und ihre duftende Haut 

FIEBRIGER VERGASER

MARK: Plot: Das Taxi hat einen Schaden, es macht einen Lärm, als würde es gleich Amok laufen.

90 Sekunden: Die Fahrerhände zittern unter dem vibrierenden Rappeln des alten unberechenbar zuckenden Taxis, das nicht kontrollierbar zu sein scheint. Es könnte ausbrechen, auf den Bürgersteig zubrettern, Leute umnieten und an der Häuserwand entlangschrammend alles mitnehemn, was nicht schnell genug weg ist, dann rasch rüber auf den Zebrastreifen, alles überfahren, dem einen, der ausbüxt, hinterher, rüber! Gegen den Radfahrer,

MARK 2014: Plot: Achmeds 3er BMW kommt frisch aus der Tuningwerkstatt. Die Maschine heult wie auf Fieberwahn und sorgt für somnambules Glück seines Halter.

90 Sekunden: Fieber im Tank: die Karre geht ab wie ein gleitendes Zäpfchen. Kraft unter der haube, die kaum zu halten ist. Heiße Haube, die Sonne brennt auf die Motorglut, schwirrendes Flirren in hochtourigen Rauschen. Mit 70 runter in den 2. Gang, die Maschine heult wie rappelnde Bronchen und glückliches

C II/ TAG 3

ADJEKTIVE AUS SUBSTANTIVEN FINDEN

RITTERLICHER HOLZOFEN

Der ritterliche Holzofen sorgt für wärmenden Schutz und Ruhe.

90 Sekunden: In eiserner Rüstung steht er im Raum. Sicher, stoisch und voller Kraft und Ruhe. Hin und wieder öffnet er sein Visier und späht nach trockenem, leckerem Holz. Rein damit und der ritterliche Ofen glüht, stolz und voller Freude. Er schützt und wärmt mit Haltung und von Dauer. 

VEREINNAHMENDE MITTERNACHT

Wie ein Spinnennetz nimmt sie dich und lässt dich nicht aus ihrer gespenstischen Gefangenschaft.

90 Sekunden: Die 12fach schlagende Kirchenglocke bringt das Gemäuer zum Vibrieren. Mit dem alten Dachbalken schwingt das gespenstisch bebende Spinnenwebnetz.Es ist Geisterstunde. Eine Tür fällt ins Schloss, die Glocken schlagen immer heftiger und überschlagen sich in ohrenbetäubendem Klang. Wie durch einen Magneten geführt machst Du einen Satz

STÜRZENDE BERGHÜTTE

Wie eine Lawine kracht das Gebälk und die Berghütte birst und stürzt ins Tal. Sie reißt die ganze Fauna mit sich.

90 Sekunden: Erst rutscht der Giebel. Das Dach hängt. Ein Eckpfosten neigt sich mit Knarren. Die Wand bretter springen auseinander und stehen ab wie eine Frisur nach elektrischem Schlag. Das ganze Haus bricht donnernd los und kracht kopfüber den steilen Hang hinunter. Staubig attackiert das

FLIESSENDE HOFFNUNG

Erfrischend wie ein Gebirgsbach und wohltuend wie ein Schluck Quellwasser fließt die Hoffnung in ihrem Wesen.

90 Sekunden: Der Gedanke an ein Leben in Freiheit hält sie vom Erstarren ab. Wie ein reißender Strom pulsiert die Hoffnung heimlich in ihrem Herzen, mit jeder Dusche tankt sie den Aussichtstank voll. Ein Wasserfall von guten Gedanken hält sie am Leben und bewahrt sie vorm Austrocknen in einer lebensfeindlichen menschenverachtendenen Wel

RECHTWINKLIGER GEIST

Er spukt nach Maß. 

90 Sekunden: Seit exakt 122 Jahren, 3 Monaten und 4 Tagen spukt er nach Maß. Dieser Raum ist fast erspukt. Jeden Millimeter hat er bewusst gespenstisch aufgeladen, schon in jedem Winkel für Schrecken und Furcht gesorgt. Nun ist das Dachgeschoss dran. Alles von vorn. Erst mal Überblick verschaffen, Maß nehmen. Wie

CII//Tag 8

AUSGEDRÜCKTE IDENTITÄT:

SUBSTANTIV-KOLLISIONEN, heute umgekehrt.

SCHMERZ CONTAINERSCHIFF

FRISBEE REISSVERSCHLUSS

GEDICHT ABEND

SOMMER KAPITÄN

RESTAURANT WEINGLAS

MARK 2014: Ein Containerschiff ist Schmerz

1000 Tonnen Schmerz von tausend Arbeitern stecken im Stahl.

90 Sek.: In jeder Schweißnaht steckt Verwundung. Schuftende Malocher, die sich den Rücken krumm machten, um den titanharten Stahl in geschmeidige Formen zu bringen. Keine Welle dieser Welt wäscht den Schmerz vom Bug dieser fahrenden Tortur. Folter z

Ein Reißverschluss ist eine Frisbee

Der RV liegt auf der Haut wie eine Frisbee auf der Luft.

90 Sek.: Kühl legt sich das Metall des Rückenreißverschlusses der jungen Hamburgerin auf ihre Haut, wenn der Wind den Stoff ihres Kleides an si drückt. Wie eine Frisbee, die uf der Luft segelt und sich von ihr zeigen und tragen lässt, schwebt der RV auf dem Glanz seiner Trägerin und demonstriert Leichtigkeit und Freiheit, ein Spiel im Wind, ei

Der Abend ist ein Gedicht

Ein Abend ist ein Gedicht: rhythmisch, von Schönklang und pointiert.

90 Sek.: Worte, die wärmen. Im Dunkel des hölzernen Esszimmers hört sie Zeilen, die in ihr klingen. Die Tischdecke reimt sich auf die Zimmerdecke und das Glas ist wie die Vase mit den Rosen. Keine Posen, nur Verdichtung. Alles geht in die richtige Richtung. Licht. Und wichtige Gespräc

Ein Kapitän ist Sommer

Ein Kapitän lässt das knospenhafte der Menschwerdung hinter sich und steht nie in Verfall. Immer strahlend, immer scheinend.

90 Sek.: Der Kapitän hat jeden Frühling hinter sich. Er wird nicht mehr, er ist. Er blühte einst, wild und frei, heute ist er eine Sonne für seine Mitmenschen. Ein Fixstern, ein Licht, das scheint und in dessen Strahl man gedeiht. Der Kapitän versteckt sich nicht unter einer Eisdecke und er fällt auch nicht in Herbstmelanch

Ein Weinglas ist ein Restaurant

Im Glas des Weines kommt ein ganzes Restaurant an Gerüchen zusammen.

90 Sek.: Rinderfilet, Leder von hundert Jahre alten Sesseln, Holz und Vanille aus der Küche. Minze aus dem Hof und Zigarrenrauch. Im Glas dieses Weines riecht ein ganzes Resturant. Man hört die Italiener Santa Lucia singen, hält man mit geschlossenen Augen die Nase über diesen Chianti, man sieht die Mamma mit der Past

C2/Tag 9

SUBSTANTIV aus SUBSTANIIV

AHORN

Ein Ahorn ist ein Kettenkarussell.

Mal runter, mal rauf – mal dichtes Blattwerk, mal kahle Äste.

90 Sek.: Das langsamste Kettenkarussell der Welt: Ein halbes Jahr, dann sitze ich nicht mehr auf der schattigen Bank unter schützendem Blattwerk sondern unter kahlen Ästen im kalten Wind. Dann knospt wieder alles dicht, bis es grün ist. Hoch und runter, jedes Jahr. 

STRASSENVERKERHR

Straßenverkehr ist eine tödliche Giftschlange.

Sie liegt manchmal still und groß in den Straßen, dann schnappt sie zu und tötet, was ihr in die Quere kommt. Ihr Gift arbeitet immer und langsam.

90 Sek.: Wenn sie so still in den Straßen und Gassen liegt und sich ihre Wege zwischen den Gebäuden der Stadt entlangwindet, traut man ihr keine Tödlichkeit zu. Dann aber rast sie auf einmal über den Asphalt und wehe, einer steht ihr im Weg, den mäht sie weg. Auf Dauer sondert sie ihr Gift langsam ab. Graue Fassaden erzählen vom ja

SONNENAUFGANG

Ein Sonnenaufgang ist eine Infusion.

90 Sek.: Das Sonnenlicht kriecht mir unter die Haut wie eine Spritze Eigenblut, ich spüre die Kraft, die Vitalität, sie bahnt sich in mich, dringt erfrischend und beglückend in mich und lässt mich lächeln. Die Vöglein zwitschern das Lied der täglichen Spritze, ich bin Glücksjunkie, addicted to sunshine, ich brauche den Stoff am Horizont! Ich will es jeden

KIRCHE

Eine Kirche ist ein Baby. Immer läuten, schreien, dann kommt was zu essen, die Gemeinde strömt hinein.

90 Sek.: Wenn der Kirche magen knurrt, dann läutet sie mit den Glocken wie ein Baby, das nach seiner Mam schreit – immer wieder, darauf ist Verlas. Dann kommt das Futter in die kleine Kirchentür: einen für die Kirche, einen für den Pastor – und haps! wieder einer drin. Brav setzen sich die kleinen Nahrungsjünger auf die Bänke und lasen sicch allmählich verdauen, bis sie geläutert ausgeschieden zu werden, um bald wieder vom 

POLIZIST

Ei Polizist ist ein Gärtner. Er pflegt und schützt, aber er jätet und tötet auch. 

90 Sek.: Die Stadt ist sein Beet – hier hat er schon schlehte Pflanzen ausgerottet, die Saat des Bösen vernichtet, aber auch dafür gesorgt, dass das einen odere andere Rosenbeet unberührt blieb. Auf diesem Acker kennt er sich aus, hier gräbt er nach den Blüten des Unkrauts und hier beschießt der den Schädling, hier sorgt er für ein Klima der Ordnung in der Fauna und Flo

C2/TAG 10

PLAYING IN KEYS
USING LINKING QUALITIES

1.

POLIZIST beschützt.

Was beschützt sonst noch?

SONNENCREME

Die Polizei cremt die Gesellschaft mit einer Lotion ein, um sie vor dem schädlichen Lichtstrahl der Kriminalität zu bewahren. Leider ist das Zeug wasserlöslich und hält nicht lange. 

KONDOM

Der Polizist ist das Kondom der Großstadt. Ist er da, versucht er zu verhindern, dass der Virus des Bösen die Demokratie infiltriert. Nicht jeder mag Polizisten.

2.

Was macht ein Polizist noch?

Er untersucht.

Was untersucht sonst noch?

Ein ARZT

Weißer Kittel, Stethoskop, überheblich, Spritze, Blut abnehmen.

Die Polizei, im weißen Kittel der Objektivität, untersucht mit dem Stethoskop der Hartnäckigkeit Verdächtige und nimmt ihnen manchmal zu unrecht und aus reiner Überheblichkeit das Blut ihrer Eigenständigkeit. 

Ein STEUERPRÜFER

Aktenordner, Mehrwertsteuer, nachzahlen, freudlos, übergriffig.

Die Polizei fordert vom Bürger einen namenlosen Tribut: die Mehrwertsteuer aufs systemkonforme Leben ist der tägliche Kompromiss de Miteinander. Manchmal muss man nachzahlen, das wird besonders teuer, wenn man zum Beispiel konsenswidrig parkt. Viele empfinden das als übergriffig und vermuten in den freudlosen Bediensteten des Ordnungsamtes Aktenordner anstelle von Herzen.

3.

Ein POLIZIST entzieht Freiheit

Was entzieht noch Freiheit?

FESTE FREUNDIN

Liebe, Geborgenheit, Treuevereinbarung, schützen.

Die Polizei ist der liebende Beschützer, der dir die Treue zum Gesetz abverlangt und dir dafür das Gefühl schenkt, in seiner Nähe geborgen zu sein.

ERZIEHUNG

Maßregeln, Führen, Bestimmen, anmaßend.

Die Polizei sagt dir, was das rechte Maß ist: 2 Stunden üben in Zimmerlautstärke und Duschen nicht nach 22 Uhr. Sie führt dich durch ds Miteinander deiner Umgebung und bestimmt deinen Rhythmus. Sie maßt sich an, dein Maß zu kennen.

CII/Tag 12

AHORN ist romantisch.

Was hat auch die Qualität?

FRANK SINATRA

Ein Ahorn rauscht im Wind und singt mit samtener Ruhe von den Liebenden unter seinem Blattwerk.

AHORN schützt vor Regen

Was hat auch die Qualität?

PAVILLON

Der Ahornbaum: ein schattenspendender Pavillon, unter dessen dichtem Bewuchs man unbehelligt im heftigsten Regenguss Champagner trinken kann.

AHORN steht für Kanada

Was hat auch die Qualität?

TOLERANZ

Der Ahorn lässt geschehen. Sein Blatt ist harmonische Symmetrie und der Ahorn duldet einen vielfältigen Wald, ohne für seine Art zu wuchern wächst er allmählich zu beeindruckender Größe.

STRASSENVERKEHR ist zäh

Was hat auch die Qualität?

PUDDING

Der Straßenverkehr quirlt sich träge zwischen den Bürgersteigen entlang. Ein schwerer Klumpen Teig. Noch viel Kraft ist nötig, bis diese zähe Masse schaumig wird.

STRASSENVERKEHR stinkt

Was hat auch die Qualität?

Angstschweiß

Der Straßenverkehr ist der Schock der Stadt. Jeden Morgen erleben die Arbeitenden Stress und simulieren Todesangst: Wie ein übelriechender Film kollektiven Angstschweißes hängt der Gestank wie ein Kontrapunkt zum Businessanzug in den Oberleitungen und verfliegt erst zur Mittagszeit.

STRASSENVERKEHR ist eine Massenveranstaltung

Was hat auch die Qualität?

ROLLING STONES KONZERT

40.000 Menschen rollen jeden Morgen über Stein und Asphalt – sie alle sind fanatisch: sie wollen voran, der Stillstand befriedigt sie gar nicht und trotzdem sind sie alle hier und stehen sich im Weg. Der Lärm ist immens und Motoren schreien, Radfahrer bewegen sich ungelenk und fluchen, Baustellen hämmern schlichte Rhythmen, die allen seit Jahrzehntenvertraut sind.

C2/TAG 13

HANDSCHLAG

verbindendeGeste

kraftvoll

anerkennend

Was hat auchdiese Qualitäten:

LIEBESAKT

nackt,verschwitzt, ekstatisch

Sie reichtensich die Hände und für einen Augenblick wurden aus formvollendetenAnzugträgern nackte, verschwitzte zuckende Biester, die sich inekstatsichen Räuschen winden.

FESSELUNG

verhaften,Gewalt, autoritär

EinHandschlag von oben: mit der anderen Hand am Unteram, wie eineVerhaftung. Die autoritäre Art.

SONNENAUFGANG

rot

kraftvoll

belebend

Was hat auch diese Qualitäten:

TOMATENSAFT

dicht, wieeine Mahlzeit, würzig

Prall wieeine Kugel liegt der erste Schluck im Mund. Wie eine gekühlte Sonnesinkt das fleischige Nass gut gewürzt meine Kehle runter wie einSonnenaufgang nach innen.

PARTY IN DERBAR

ausgelassen,beschwingt, zügellos und erregt

Im Kellergeht die Sonne auf: Das belebende Licht der Nacht entfesselt Fremde,die sich anlächeln und einander begehren.

CII/Tag 14 – VERGLEICH

VERTRAUENist wie

1 einZuhause. Mach es Dir gemütlich und lass los. Du musst Dich nichtverstellen und musst nicht auf der Hut sein. Hier istWaffenstillstand.

2Sonnenlicht. Es strahlt in aller Ruhe warm und leuchtet überall hin.Der Schatten interessiert ihn nicht und selbst der bekommt einbisschen seiner Wärme.

3 einenvielsagenden Blick auszutauschen: ein stillschweigendes Abkommen,eine gegenseitige Versicherung des Begehrens.

EINSCHLECHTER WITZ ist wie

1 einGesprächspartner mit Mundgeruch, der einem zu nahe kommt.

2 eineOhrfeige fürs Feingefühl.

3 eine RoteKarte, die sich der Erzähler selbst zog und ich damit aus dem Spielbringt.

EineSCHEIDUNG ist wie

1 einJongleur, dessen Bälle Ereignisse deines Lebens sind, die du schonlängst zu den Akten gelegt hast.

2 einSonnenaufgang nach einem arktischen Winter. Endlich ist benannt, wasjeder fühlte und wusste.

3 eineMedaille. Der erste Preis in der Kategorie NEIN, DOCH NICHT.

EINWASSERFALL ist wie

1 einegescheiterte Liebe. Was vorher im Fluss war, stürzt nun den Bergrunter.

2 ein TellerSpaghetti, den der liebe Gott vom Tisch wirft.

3 eine ewigeMelodie.

HOFFNUNG istwie

1 eineTankstelle. Wenn deine Maschine ins Stocken gerät: einmal voll,SUPER bitte.

2 eineTätowierung für Kinder: du musst sie immer wieder nachmalen.

3Verliebtsein in dein eigenes Leben.

C3/Tag 1


SCHNEESTURM
Qualität: KALT
Was ist auch kalt: DEIN HÖHNISCHES LACHEN

10 Min.:
Dein HÖHNISCHES LACHEN ist ein SCHNEESTURM
Zwerchfellzuckende Impulse, die Deinen Mund in die Breite ziehen. Spuckefäden hängen in den Mundwinkeln wie vom Eis der Verachtung gefrorene Spinnweben. Mit jedem Zischen, Lachen und spöttischem Missklang aus Deinem erkalteten Herzen bringst du einen Orkan in Bewegung. Was eben noch phantatsich blühte, erstarrt nun. Das Vögelchen, das unbekümmer sang, suchte verstummt das Weite. Auf dem Acker, der eben noch fruchtbar roch und auf dessen modriger Oberfläche ein Panoptikum an Insekten tobte, ist Stille und ein Film aus Frost. Keiner mag noch lachen, sich freuen oder lieben. Alles ist vom Eisfieber der Angst befallen und die Schneekristalle des Zweifels zersetzen im Tempo des fallenden Thermometers die Lebensfreude. Hinter deinen Reißzähnen wohnt der Feind des Lebens. Er lacht nicht nur über uns, er lacht auch über dich, sein Instrument, seine eitle Schneekanone, die sich als Wettermacher gefällt. Echter Schnee aber verachtet nicht, echt

Qualität: bedeckt den Boden
Was bedeckt auch den Boden? WILDBLUMEN
Wildblumen durch die Schneesturmlinse betrachten:

10 Min.:
Wild gefallen, ohne Ordnung, Chaos aus dem Himmel, aus der Luft. Flockenschwärme winziger Samen aus allen Richtungen stieben im Sonnenlicht nach kalter Nacht über den zapfenduftenden Waldboden und legten sich ins strahlenwarme Laubbett der Lichtung. So wie das Eis sich nach unten kämpft und Schicht um Schicht zum Erstarren bringt barst sich jeder Samen seinen Weg ins weiche Erdnass. Erst zart durch die ersten Krumen an der Oberfläche, dann beharrlich in die tieferen, festen Schichten, um sich schließlich im dunklen Erdreich zu verwurzeln wie eine Eisblume am Fenster einer schlecht beheizten Wohnung. Zu Tausenden sammelten sich die Samen im Erdreich und nun schießen Knospen wie ein Rasen aus buntem Schnee verkehrt herum in die Welt, grüner Schnee aus der Tiefe, der die Welt von unten bedeckt und die Bienen zum Klingen bringt. Puder aus Blütenstaub explodiert in Zeitlupe auf Kniehöhe und lässt duften. Der Frühling ist der Winter des Todes, im Erblühen stirbt die Ruhe, der Blütenschnee bedeckt das kalte Nichts und friert die Reglosigkeit ein, dass aus ihr ein Schmetterling wird, der den Tanz von tausend Flocken mit zwei Flügeln nachzubilden versteht. Er lässt sich treiben vom zarten Wind und 

Qualität: ein Drink am Kamin
Was hat noch „ein Drink am Kamin“? Sehnsucht nach Gemütlichkeit

10 Min.:
Weiß ist das Fell vorm Kamin. Glutfunken springen von Scheit zu Scheit und taumeln im Sog des Schornsteins. Die Eiswürfel klopfen klirrend von innen gegen dein Glas, als schrien sie um Hilfe. Verschüttet vom Whisky wie eine Handvoll Bergtouristen von einer Lawine gehen sie langsam zuende. Du merkst es nicht. Du bist dabei, du bist verantwortlich, aber du nimmst es nicht wahr. Knisternd stürmt der Feuerduft dir jeden Gedanken von Verantwortung aus dem wohlstandsgefrorenem Hirn. Kalt und weich. Haltung in Flocken. Chamoisfarbener Rollkrakenpullover vom Cashmerelamm, rahmengenähte braune Budapester. Auf dem Schallplattenspieler liegt Bach. Perlen von 16telnoten fliegen durch die Holzvertäfelung und legen sich friedlich und betäubend auf den Flokati des schlechten Gewissens. Im Regal Psychoanalyse und auf den Schwingersesseln selbstzufriedene Trägheit. Der innere Schnee stürmt schon lang nicht mehr. Lava-Eis mit Stil. Ein Scheit platzt auf und zerfällt in zwei Teile. In seiner Mitte glühende Rippen, eine Feuer atmende Lunge aus Holz. Dein Dreitagebart ist der Tiefschnee vorm Wochenendhau