CXCVIII APOKALYPSE IM HERBST

Bildschirmfoto 2015-10-28 um 20.31.37

Apokalypse im Herbst,
wenn die Zypressen im Sturme schweigen.
Apokalypse im Herbst,
dann ist Zeit für tausend Geigen.

Im Fernsehen läuft ein Krimi,
da schwimmt ein Toter im Steinhuder Meer.
Zeitgleich heiratet eine Tangotänzerin
im rosaroten Brautkleid
einen zwielichtigen Herrn.
In alten Schellackscheibenrillen
dampft der Staub aus 100 Jahren,
wenn das Lied vom Abschied klingt.
Diese Hochzeit wird im Stillen
gefeiert und keine Gaben
kommen auf die Burg,
auf der keiner heut vom Mondschein singt.

Apokalypse im Herbst, …

CXCVII SONNTAG YEAH

Bildschirmfoto 2015-10-28 um 00.10.20

Am Montag bleib ich liegen
und am Dienstag geh ich auch noch nicht ans Telephon.
Den Mittwoch lass ich laufen
und am Donnerstag gehe ich auf Tauchstation.
Am Freitag bin ich für niemanden zu sprechen
dem Samstag biet ich schonmal keine Angriffsflächen,

aber den Sonntag, den liebe ich,
den feier ich, den trage ich auf Händen,
wenn ich mir dann ein Teechen koche,
pfeif ich auf den Rest der Woche.

CXCVI HIER SPIELT DIE MUSIK

Bildschirmfoto 2015-10-26 um 01.20.02

Du schautest aus dem Augenwinkel rüber,
dann schautest du wieder weg, da war ein Fieber
in der Luft, seit du reingekommen warst
in dieses Nachmittagscafé
mit seinem Kuchenbuffet.
Ich rechnete mit ganz entspannten Stunden,
mit einer Sonntagszeitung wie die anderen Kunden
wollt ich nur ganz gemütlich und allein
im Stehlampenschein
mit Kaffee und ein paar Keksen
im alten Ohrensessel flezen.
Doch das war nicht mehr zu haben,
in deinen Blicken stand in Großbuchstaben:

Hier spielt die Musik,
ich hätte gerne mehr Beachtung,
und bitte etwas Unterhaltung.
Hier spielt die Musik,
ich wünsch mir subtile Umnachtung,
dass sich der Bummelzug der Lazyness
in eine Achterbahn der Crazyness
verwandelt.
Bitte etwas Temperaturanstieg:
hier spielt die Musik.

Ich komm nach einem langen Tag nach Hause,
die letzten Wochen war’n so dicht, ich brauch ne Pause,
ich bin froh, dass du mich verstehen kannst,
dass ich nach all dem Overkill
einfach nur noch pennen will,
dich einfach halten will in meinen Armen,
in ruhiger Zärtlichkeit und ohne jede Dramen,
mit einem Lächeln im Gesicht
am liebsten schön bei Schummerlicht
bei einem schönen Gläschen Branntwein
den lieben Gott n guten Mann sein
lassen, doch das ging grade heut nicht,
denn du sagtest klar und deutlich:

Hier spielt die Musik, ..

Wenn es so weitergeht, dann glaub
ich, werd ich bald zu Boden gleiten
und ein Arzt schüttelt sein Haupt
ein ein Pfarrer spricht am Grab
von wild durchlebten Lebenszeiten
und vom Schicksal und vom Joch
und dann unterbrischst du ihn und rufst:
das ist ja schön und gut, doch:

Hier spielt die Musik, ..

CXCIII CAFÉ BOHÈME

Bildschirmfoto 2015-10-25 um 14.39.36

Auf deinem Walkman lief Miles Davis
und im Radio Extrabreit.
Die anderen Schüler war’n Kommunisten,
doch du trugst ein Cocktailkleid.
Man glaubte Marx und Alice Schwarzer
und man war gegen das System.
und wir Beide siezten uns beim Frühstück
im Café La Bohème.

Auf den Jacken stand „No Future“
und dass Soldaten Mörder sind.
Wir sehnten uns nach Walzer,
Laternen und Absinth.
Das Wort „Manieren“ war ein Schimpfwort,
faschistoid wie „Disziplin“,
Aber du gabst mir mir die Hand
auf der Hollywoodschaukel vorm Kamin.

CXCII TIEF IM TEUFELSMOOR

Bildschirmfoto 2015-10-25 um 14.36.49

Der Mond hängt tief im Teufelsmoor,
der Nebel liegt und wartet.
Ein einsamer Verzweifelter,
der durch das Dickicht watet,
sucht nach seinem Sohn,
er floh von Zuhaus.

In einer lauen Sommernacht,
schreienden streitenden Eltern,
hatte er sich aufgemacht,
um seine eigenen Welt
ab jetzt zu erschaffen.

In seinem Gepäck ist eine Melodie,
nichts als eine Melodie.
Die steigt er rauf und runter.
Sie hält ihn, wenn er müde ist
und sie singt ihn die kalte Nacht,
sie macht ihn morgens munter.

Das letzte Brot ist längst gegessen,
er träumt gedeckte Tafeln
mit Pfirsich und mit Schnitzel,
mit Nudeln und Falafel.
Doch alles in der Näh
ist nur eine Melodie.

CXCI ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT

Bildschirmfoto 2015-10-25 um 14.35.14
Mireille hat heut Geburtstag
und Katjas Hund ist nicht mehr da.
Einiges ergibt sich, wenn
Antjes Papa seinen Fünfundsiebzigsten
in aller Ruhe feiert.

Ich stehe und man sieht es mir nicht an,
wie am Ende ich gerad bin.
die Sprache macht den Ton.
Der Ton macht die Musik
und ich bin sowas von k.o.,
ich trink ein letztes Glas Bordeaux
im Imbiss, der die Kunst bereitstellt
zur Nacht bei schönstem Candlelight,
Welt, meine Welt, wie bist du weit,
ich tauch durch jeden kleinen Teich,
den du mir auf den Weg legst.
und fühl mich manchmal wie der Frosch,
dessen Lebenslicht erlosch
angesichts des Schwunds des Sinns,
wie gut, dass ich der Frosch nicht bin.

Zurück in die Zukunft,
wo die Langeweile stirbt.
Zurück in die Zukunft,
wo aus dem Herbst der Sommer wird,
wo meine Seelenmutter wohnt
im kastanienschönen roten Himmel.

 

CXC HEXEN

Bildschirmfoto 2015-10-25 um 14.33.06

Schwarze Magie, Zauberei, Hexenküchen,
Die Welt ist ein Rätsel aus Wünschen und Flüchen.
Voodoo und Blut, Federn von Tauben,
Kaffesatz, Sternen- und Aberglauben.
Wahnsinn, Extase, Diabolos Rufen,
die Hexe galoppiert auf Luzifers Hufen.

Du kommst nicht zur Ruhe, du kannst nicht relaxen?
Das liegt nicht an Dir, schuld sind HEXEN.
Du wirst nicht betrunken beim Schnäpse exen?
Das liegt nicht am Koks, schuld sind HEXEN.
Du kriegst Paranoia im Rauch von Gewächsen?
Das liegt nicht am Kiffen, schuld sind HEXEN.
Du denkst, war ja klar, dass der stirbt: Michael Jackson,
das war nicht der Arzt, das waren HEXEN.

Hab Acht, wenn die Süße der Venus Dich sticht,
die Maske des Urteils vom Hexengericht
könnt‘ das sein, die im Antlitz der Unschuld daher
kommt und lockt und so tut, als sei gar nichts gefähr-
lich am Umgang mit scheinbar so feenhaftem Lieb-
reiz, der dich deines Lebens beraubt wie ein Dieb,
heizt die Höllenglut dir deine Lenden ins Fieber,
dann mag es ein Fluch von gewalt’gem Kaliber
sein, der dich von Sinnen ins lüsterne Joch
treibt und irgendwann geht dir der Glauben und doch,
wirst du sagen, dein Gewissen schweigt still,
die Hexe in dir spricht und flüstert: ich will.

Du hast solche Schmerzen beim brasilianischen Waxen?
Du bist kein Weichei, schuld sind Hexen.
Dein Kind hat im Zeugnis lauter Sechsen?
Das liegt nicht am Lehrer, schuld sind Hexen!
Du würdst so gern malen, doch kannst nur klecksen?
Das liegt nicht am Talent, schuld sind Hexen!
Dein Musikgeschmack ist schlecht,
Du hörst die Heavy Metal Band Saxon?
Das liegt nicht an dir, schuld sind Hexen!

CLXXXIX ELEGIE VOM 19. OKTOBER

Bildschirmfoto 2015-10-25 um 14.31.22

Vor einem Kiosk in Hannover
am Sonntag nach dem Tatort,
der Mond scheint überm Dach des Altersheims.
Ein Ingenieur trifft auf die Schnelle
beim Kaffee seine virtuelle
Facebook-Geliebte, um halb Elf wollt sie doch da sein.
Währenddessen in der Unfallambulanz,
Ein Schachgroßmeister brach sich den Fuß beim Tangotanz
mit der Bäckerin, er war bekifft
und sie hat sein Gefühl viel zu sehr im Griff.
Und alle fragen sich: Was ist eigentlich die Liebe?

Sitzengelassen der Eine,
gebrochen der Andere,
wie gut geht’s dagegen einem Ahornblatt, das
von Laubhaufen zu Laubhaufen wandert.
Begegnung im Park
in der letzten Minute des Lebens,
in der Tasche keinen Cent,
das Warten war vergebens,
ein Blick ins Leere ohne Happy End.

Eine wilde Maus im Laub,
die ans Wiedergeborenwerden glaubt,
hätt so gern noch ihren Vater
ein letztes, großes Wort geraubt.
Ab in den Fahrstuhl der Ewigkeit,
aufs Baumhaus der Ruhe.

CLXXXVIII ERWACHEN

Bildschirmfoto 2015-10-25 um 14.29.20

„Erwachen“ heißt der Klingelton,
programmiert im Telefon,
er weckt mich samtig glöckchenweich
ich aber bleib in Hypnos’ Reich.
Ich streich das Display, Augen zu
und lösch die Weckungsklingelglut.
Das Morgenfeuer darf nicht brennen,
ich will lächelnd weiterpennen.
Gerade flog ich noch so schön,
in schwindelhohen Großstadthöh’n,
die Arme breit und langgeschwebt,
träum ich? Flieg ich? Weiß ich nicht.
Erwachen, erwachen, erwachen will ich nicht.